Marcella Berger Odysseus oder die wahre Geschichte der Federn

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Gewolltwerden / Circe

Ich hab´s eigentlich immer gern gemacht, also zumindest auf´m Zimmer. Nicht unbedingt das Animieren – das Animieren hat seine Tücken. Aber auf´m Zimmer war´s eigentlich nie ein Problem, mir hat das gar nix ausgemacht. Als ich angefangen hab, da hatte ich mit meinem ersten Freier einen Orgasmus, meinen allerersten Orgasmus, ist das nicht witzig? Wusch! hat´s gemacht. Der hat mir auch echt gut gefallen, der Typ, wirklich. Siehst du, denkbar ist alles. Der hat mit mir anschließend an der Theke noch was getrunken und gesagt, ich sei entweder eine grandiose Schauspielerin oder eine Naturbegabung, na ja.

Die Bar ist natürlich eine Nische. Aber eine Nische, wo alles reinkommt, alle Bevölkerungsschichten. Ich sag dir, 90 Prozent der Männer sind Bargänger. Wenn nicht noch mehr. Ganz normale Typen, dein Nachbar, der Lehrer deiner Kinder, quer Beet eben. Aber so unterschiedlich die Jungs auch sind - in einem sind alle gleich: sie wollen gehätschelt werden. Ich meine, wir hätscheln sie ja auch. Is ja unser Job, das Hätscheln. Wenn sie brav sind. Sind sie ja aber fast immer. Aber letztendlich musst du dafür sorgen, dass sie brav sind. Du hast das Stöckchen in der Hand. Is nich einfach, Herzchen, aber das kommt schon mit der Zeit. Das kriegste schnell spitz. Du musst wissen, wo´s lang geht. Dann kann´s laufen, wie er’s haben will. Klar, da musst du schon Antennen ausfahren. Aber von nix, kommt nix. Will er dich cool? Will er dich verschmust? Ganz sanftes Bambi? Oder frech? Oder gleich ganz die Mamma? Das musste rauszukriegen, davon hängt alles ab. Es sind aber nicht alle Männer nett. Manche sind auch echt fies. Kommen rein, um fies zu sein. Ich weiß gar nicht, was die in der Bar wollen. Warum die dafür bezahlen, um fies sein zu können. Was wollen die Fieslinge in der Bar? Die meisten sind aber harmlos. Mammas Liebling. Die wollen das Gefühl haben – hey, ich bin wirklich ein Supertyp! Ein toller Hecht! Das musst du ihm vermitteln. So läuft´s. Deshalb kommen sie in die Bar. Und Recht geben musst du ihm. Lass ihn reden und gib ihm Recht. Das hält ihn bei Laune, na, du weißt schon. Und dann denkt er nicht mehr ans Geld. Dann ist er bereit, in dich zu investieren. Weil er dich toll findet, ´ne Super-Frau. Dann bist du für heute seine Queen. Das Schöne an der Bar ist für die Jungs doch, dass sie keine Angst vor Ablehnung haben müssen. Dass sie keinen Korb kriegen. Dass du keine Zicken machst und er keine Kompromisse machen muss und keine Verpflichtung eingeht, das ist der Zauber. Sie müssen sich nicht die geringsten Gedanken über uns machen, mit uns gibts keinen Ärger. Na, und das sind die Hunnis schon wert.

Ganz am Anfang war ich ein unglaubliches Gänschen, das kann man sich gar nicht mehr vorstellen. Ich hatte mich auf eine Stellenanzeige hin in der Bar beworben, war auch alles klar, konnte gleich anfangen. Ich hab tatsächlich gedacht, es wär in der Bar wie in den alten Filmen, man sitzt leicht bekleidet rum und trinkt mit den Herren Champagner und Cocktails. Das hab ich tatsächlich geglaubt. Und ich bin fast vom Hocker gefallen, als ich mal gefragt habe, wo is´n die und die? und meine Kollegin sagte, die sei aufm Zimmer. Wie – auf´m Zimmer/ hab ich gefragt. Bis dann der Groschen gefallen ist bei mir, und ich kapiert hab, dass es nicht ums Chamganertrinken ging und du immer das Separee im Auge haben musst, weil sonst nix rumkommt. Weil sonst ja nicht gescheit verdient wird. Na ja, gut, hab ich gedacht, dann ganz oder gar nicht, und hab’s eben ganz gemacht. Und es hat mir auch gar nix ausgemacht, auf´m Zimmer, das war easy going.

Du wirst schon noch merken - sie stehen unheimlich drauf, dass du auf sie abfährst. Dass du echt scharf bist auf ihn - das ist das Schönste für einen Freier. Dass er das Gefühl hat, du bist heiß, er hat dich heiß gemacht. Dafür lässt er was springen, dafür zahlt er in Wirklichkeit. Er zahlt dafür, dass er dich gut bedient. Dass du dich vielleicht sogar ein bisschen verliebst in ihn. Das ist das Geilste für die Jungs, wenn sie sich vorstellen, dass eine Nutte sie wirklich mag, wirklich abfährt auf sie. Dass sie alle anderen Männer ausstechen. Ich bin der Beste, heißt das. Der Held ist, die Ausnahme-Erscheinung. Der Beste. Deshalb kommt er in die Bar.

Es geht im Barbetrieb immer um Täuschung und Selbsttäuschung - du musst dich nämlich auch selbst täuschen können, du musst das Spiel mitspielen können. Das muss dir irgendwie liegen, die ganze Atmosphäre, irgendwie muss dich das selbst anmachen, die Musik, die Klamotten, der ganze Kram eben. Und du musst auch Ehrgeiz reinsetzen. Wenn du deinen Job nicht gut machen willst, fang erst gar nicht an damit. Aber wenn, dann musst du auch ehrgeizig sein. Das hältste sonst auch nich durch. Sein, was du scheinst, das isses. Streckenweise zumindest. Nicht jede ist ja ein Naturtalent. Aber ob Naturtalent oder nicht – das braucht der Freier gar nicht zu wissen. Das ist ja die Hauptregel: Der Freier darf alles essen, aber nicht alles wissen!

Wie eine gute Schauspielerin eben. Du musst da selbst auch eine Sehnsucht nach haben, wie im Kino, wo man auch in die anderen reinschlüpfen kann, wo du dich mal traurig fühlen kannst oder super-schön oder weiß der Geier. Begehrt. Sonst wird das nix. Aber dafür hält unser Beruf uns auch jung! Sieh mich an – in dem Licht geh ich für dreißig durch – oder?

Soll ich dir mal was sagen? Eigentlich sind wir nicht nur die Schauspieler auf einer Bühne, wir sind die Bühne selbst. Hört sich bescheuert an, ich weiß. Trotzdem. Wir sind die Bühne. Der Bühnenraum meinetwegen, die Bar eben, und die Männer sind die Schwänze. Wir sind da, und sie gehen rein und raus. Wir sind nicht wir selbst, wir sind die Institution. Rein, raus. Rein, raus. Wir helfen beim Träumen. Dazu sind wir da. Das ist alles. Das ist magic, weißte, das ist der Zauber. Das ist der ganze Zauber. Na ja, das is ´ne ganze Menge. Mit Normalität hat das nix zu tun, behalt´das immer im Kopf, dass die Bar nix mit Normalität zu tun hat, Schätzchen! Dass man das fein säuberlich trennen muss! Die Männer dürfen sich in dich verlieben, das ist okay. Aber du - verlieb dich bloß nicht in einen Freier! Das kann nix werden, er wird nie vergessen, wo und wie er dich kennengelernt hat. Ich weiß, wovon ich rede! Glaub mir! Es gab da mal einen, ein Geschäftsmann, ein Grieche, der brachte erst immer Kollegen mit, die wollten so ´ne kleine Orgie, mehrere Männer und Frauen. Und das haben wir auch gemacht. Das war auch alles okay soweit. Aber dann kam der auf einmal allein. Und in den hatte ich mich dann richtig verliebt. War schon älter, in der Welt herumgekommen, hat viel erlebt, der war super nett und super lieb und ich hin und weg. Der hatte mich irgendwann mal zum Essen eingeladen, mittags, das war zwar verboten, aber ich habe es trotzdem gemacht. Nach dem Essen hat er mir 1 000 Mark in die Hand gedrückt: Vielleicht mußt du dafür einen Tag weniger in der Bar arbeiten, hat er gesagt. Oh, und das fand ich unheimlich nett, aber auch unheimlich schrecklich. Wir hatten auch darüber geredet, irgendwie zusammenzusein. Aber, ich denk, sich unter diesen Umständen kennenzulernen - der hätte nie vergessen, daß ich eine Nutte bin, nicht vollwertig, beschmutzt. Und ich hätte es auch nicht vergessen können. Den Schatten kriegst du nicht los, da kannst du wischen, wie du willst, das wird nicht sauber. Merk dir das. Ich hab`s abgebrochen, hat keinen Zweck, so was weiter zu verfolgen.

Weißt du, Schätzchen, das ganze Spiel geht doch darum, gewollt zu werden. Darum geht es: Gewollt zu werden oder nicht gewollt zu werden. Also ich will niemanden mehr wollen. Mir ist das eine furchtbar unangenehme Vorstellung, jemanden zu wollen, da ist mir ganz unbehaglich zumute dabei. Echt zuwider ist mir das, überhaupt nicht wohl ist mir dabei. Auf keinen Fall mehr Sehnsucht haben! Das kommt überhaupt nicht mehr in die Tüte. Ich will keinen mehr wollen. Aber gewollt werden, na klar. Stell dir mal vor, du sehnst dich nach jemand und der will dich gar nicht. Das ist doch der Super-GAU, das ist die absolute Katastrophe. Nee, nee, das hat man vielleicht mal im Mutterleib gehabt, wo man sich aufgehoben gefühlt hat und geborgen und befriedigt und erfüllt und der ganze Kokolores. Aber das ist gewesen. Ich sag dir, die Bar ist okay. Und wenn du richtig gut bist, kannst du dir später mal auch die rauspicken, die du haben willst. Musst dann nicht mehr jeden Dummbeutel rumkriegen. Dann triffst du die Auswahl. Musst halt gut sein. Du darfst dich halt nicht auf die faule Haut legen. Wirst nicht dafür bezahlt, dass du es dir bequem machst. Aber klug musst du immer sein. Wissen, was Sache ist. Mach dir nix vor! So nett sie in der Bar sind, solche Schweine sind sie außerhalb.

Einmal kam einer rein in die Bar, den kannte ich auch aus meinem privaten Umfeld. Erst war der etwas perplex, dann sind wir aufs Zimmer und es war okay und nett. Zu dieser Zeit hab ich auch noch als Bedienung gearbeitet, und eines Tages kommt der zufällig da rein, mit seiner Freundin. Wie der mich angesehen hat - Urghh! – Bloß damit ich ihm nicht zu nahe komme, oder irgendwie klar wird, dass wir uns kennen. Der hat getan, als hätte ich die Krätze oder sonst was. Und zu seiner Freundin war er nicht halb so nett wie zu mir in der Bar. So ein kleiner, mieser Wichser! Hat mich die ganze Zeit nicht beachtet und getan, als wär ich Luft. Und dann hat er seine Freundin nach Hause gebracht – jedenfalls tauchte er nach ´ner Weile wieder auf. Der hat sich doch tatsächlich vorgestellt, der könnte mich jetzt vögeln. Dieses Dreckschwein!

Und ich wette mit dir, das ist nicht die Ausnahme. Männer sind Schweine! Und für so einen musst du die Antennen ausfahren, musst dich einfühlen in so einen Dummbeutel – das ist doch das Letzte! Und am Ende weißt du nicht mehr, wer du selber bist und wie du selber bist. Das macht einen doch kirre! Lass mich, es geht wieder vorbei ... Es ist doch wahr! Am liebsten würdest du doch zu dem Idioten an der Theke sagen, verpiss dich, hau ab, lass mich in Ruhe! Ich sag dir – das Animieren ist das Letzte! Das Anbiedern, das Hintenreinkriechen. Du willst den Kerl doch gar nicht kennenlernen, aber du musst ihm Brei ums Maul schmieren. Das ist doch Scheiße! Das ist doch alles nichts als Scheiße! Nein – es ist okay, es ist schon gut, es ist alles in Ordnung mit mir. Es ist nur, weißt du was die allergrößte Scheiße ist? Ich sag´s dir! Pass auf, ich werd´s dir sagen: die allergrößte Scheiße ist, dass es dich trotzdem total fertig macht, wenn der dich nicht will. Vielleicht, weil er ne andre will oder gar nicht will. Eigentlich willst du doch, dass alle auf dich fliegen, dass jeder mit dir will. Dann braucht man sich auch nicht so verrenken. Das kränkt einen doch in der Tiefe der Seele, dass man sich dafür so verrenken muss!