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Olivia Frank          Helge Dawo ISAAK DER BLINDE "Tief ist der Brunnen der Bevor ich niederschreibe, was festzuhalten meine Absicht ist, scheint es mir sinnvoll, einige Worte vorauszuschicken, die meinen Bericht vor der Gefahr des Mißverstandenwerdens schützen sollen. Nüchternes und sachliches Denken war mir immer ein Bedürfnis, und wenn uns auch Dinge widerfahren, die sich manchmal auf wundersame Weise zu ergänzen scheinen, so bin ich doch sicher, daß sich natürliche Ursachen hinter diesen Phänomenen befinden, wenn diese sich auch manchmal vor unseren Blicken verbergen. - Zugegeben sei, daß es Orte gibt, die unser Gemüt seltsam beeindrucken. Der Besuch an einem solchen Ort bildet den Gegenstand der nachfolgenden Erzählung. Vor neun Jahren hatte der Journalismus mich mit Leidenschaft an sich gefesselt. Ich arbeitete gerade an einer Artikelserie über die Künstleremigration der 20er und 30er Jahre, als ich von einem Maler hörte, Will Faber, der 1929 von Berlin nach Ibiza übergesiedelt war. Er gehörte dem Kreis um Grete Kollwitz und Erich Mühsam an, dem auch Raoul Hausmann nahestand. Will Faber sollte gegenwärtig in Barcelona leben. Die Aussicht auf eine Reise nach Katalonien war mir nicht unangenehm und ich beschloß, Will Faber zu interviewen. Am 7. August 1980 kam ich in Barcelona an. Es war sehr heiß. Einen Tag später saß ich mit dem Maler in dessen Atelier. Emma Faber, seine Frau, servierte Tee, und entschuldigte sich dafür, keine gute Hausfrau zu sein. Wir redeten mehrere Stunden angeregt miteinander. Fabers wußten nicht nur viel zu erzählen über die Berliner Künstlerszene der 20er Jahre, sondern auch über die Künstlerkolonie auf Ibiza, deren Gründungsmitglieder sie waren. Sie hatten Picasso gekannt, mit Miro waren sie gut befreundet, und Salvador Dali hatte sie mehrmals als Gäste empfangen in seinem Haus in Port Liga - Unser Gespräch wurde unterbrochen von einem Läuten an der Tür. Emma ging öffnen und erschien kurz darauf wieder im Atelier, gefolgt von einem Mann, der sofort meine Aufmerksamkeit erregte. Er war von imposanter Statur, trug einen breitkrempigen schwarzen Hut, einen schwarzen Mantel und unter seinem Kinn wuchs ein dichter, schwarzer Bart. Ein Rabbiner, dachte ich sofort und erst danach fiel mir ein, daß ich ja noch nie einem Rabbiner gegenübergestanden hatte. Der Mann entledigte sich seines Mantels, wobei ich bemerkte, daß ihm die linke Hand fehlte. Emma stellte ihn vor: "Das ist Herr Adam", sagte sie, "Jean-Pierre Adam aus Luxemburg." Es stellte sich heraus, daß Jean-Pierre Adam mit vielen Referenzen aus Luxemburg angereist war, fest entschlossen, die Situation der katalanischen Künstler zu verbessern. Er dachte dabei an das niederländische Modell, welches, wie er uns erklärte, darin bestand, daß die Künstler mit einer monatlichen Rente ausgestattet werden, dafür ihre Kunstwerke als Leihgabe öffentlichen und privaten Institutionen zur Verfügung stellen, welche wiederum aus ihren Kulturfonds das Zustandekommen der Renten garantieren. Jean-Pierre Adam erzählte mir, daß er sich in seiner Sache auf dem Weg nach Gerona befände und fragte mich, ob ich ihm nicht auf dieser Reise mit meinen Sprachkenntnissen zur Seite stehen wolle. Ich sagte, ich hätte noch einige Tage in Barcelona zu tun, worauf er antwortete, wenn ich nach Gerona käme, brauchte ich nur in den Call, das alte Judenviertel, zu gehen und nach Isaak dem Blinden zu fragen. Vier Tage später traf ich in Gerona ein. Ich verließ den Bahnhof und erblickte sogleich die Kathedrale, von der ich inzwischen wußte, das sie sich in der Nähe des Call befand. Call kommt vom Hebräischen "qahal" und bedeutet Versammlung, Reunion. Ich beschloß, meinen Weg zu Fuß zurückzulegen. Es hatte gerade aufgefört zu regnen, und in der Stadt herrschte eine hohe Luftfeuchtigkeit. Nachdem ich die Brücke über den Rio Ter überquert hatte, geriet ich in eine verwinkelte Altstadt. Der Weg führte mich beständig bergauf. Die Gassen waren schmal und menschenleer. Zahlreiche Mauervorsprünge erweckten den Eindruck, man durchschritte ein Labyrinth. Jean-Pierre Adam hatte mir gesagt, diese verwinkelte Bauweise diene dazu, es unmöglich zu machen, einen Stein allzuweit zu werfen, oder anders ausgedrückt, es sei leicht, sich in diesen Gassen unsichtbar zu machen. Schließlich erreichte ich die Hauptstraße,und die Häuser wichen ein wenig zurück. In einem geöffneten Hauseingang, der den Blick auf das Innere eines Patio freigab, sah ich eine alte Frau sitzen, die es sich dort auf einem Stuhl bequem gemacht hatte. Ich näherte mich der Alten und wandte mich an sie mit der Frage, ob sie wisse, wo Isaak der Blinde zu finden sei. Sie lachte ein zahnloses Lachen. Dann antwortete sie mir bereitwillig auf Katalanisch, was es mir nicht leicht machte, sie zu verstehen Als ich endlich meinte, aus ihren Worten klug geworden zu sein, begab ich mich in die beschriebene Richtung. Ich betrat eine schmale Gasse, die sich bald zur Stiege verengte und steil bergauf führte i Plötzlich, nach einer Biegung, stand ich vor einem handgeschriebenen Schild. Ein Pfeil wies in einen halbverfallenen Torbogen. Auf dem Schild stand zu lesen "ISAAC EL CEQ", was bedeutet "ISAAK DER BLINDE". Ich duckte mich und gelangte durch den Torbogen in einen großzügigen Innenhof, in dessen Marmorboden der sechszackige Stern eingelassen war. Es war niemand zu sehen. Ich befand mich auf einer Terrasse, die als Cafe zu dienen schien, worauf einige Tische und Stühle hindeuteten. Mehrere Tische fanden sich zu einer Tafel zusammengeschoben. Das lückenhafte Mauerwerk, welches die Terrasse zu beiden Seiten begrenzte, war dicht mit Efeu überwachsen. Eine ausgetretene, feuchte Treppe führte in einen verwilderten tiefergelegenen Garten, demgegenüber sich ein großer, eindrucksvoller Palazzo im maurischen Stil erstreckte. "Gefällt es Ihnen hier?" sagte eine Stimme neben mir. Ich wandte mich um und entdeckte einen kleinen, zierlichen Mann mit hellen Augen. Er stellte sich mir als "Josep" vor und war der Inhaber des Cafes "ISAAK DER BLINDE". Ich käme genau zur rechten Zeit, sagte er, er gäbe heute ein Essen zu Ehren eines ganz besonderen Gastes, eines berühmten englischen Kabbalisten, und ich sei herzlich eingeladen, daran teilzunehmen. Die anderen Gäste müßten jeden Augenblick eintreffen, ich möge ihn entschuldigen, er habe noch in der Küche zu tun. Ich mußte nicht lange warten. Nach und nach füllte sich der Hof mit den Teilnehmern des kabbalistischen Essens. Drei ältliche katalanische Esoterikerinnen stellten sich ein, der Künstler von nebenan, der Collagen herstellte aus abgerissenen Zirkusplakaten, und ein kleiner, dicker Spanier, der mir durchaus gewöhnlich schien, drückte meine Hand und betonte mehrmals und nicht ohne Stolz, er sei auch Jude. Der englische Kabbaiist erschien an der Seite von Josep und in karierten Hosen. Schließlich kam auch Jean-Pierre Adam, wie immer mit schwarzem Hut. Josep begrüßte ihn, und die beiden gesellten sich zu mir. "Das", sagte Jean-Pierre, indem er seine Hand auf Joseps Schulter legte, "ist Isaak der Blinde, von dem ich Dir erzählt habe." Josep lächelte, und ich betrachtete seine zierliche Gestalt, die wirkte, als ob sie für eine andere Welt geschaffen sei, denn für unsere grob-stoffliche. Er ist ein Schwärmer, dachte ich bei mir. Ich hatte die Ehre, zur linken Seite des Gastgebers zu sitzen, wobei die rechte Seite natürlich dem englischen Kabbalisten vorbehalten war. Mir gegenüber saß der dicke Spanier und drehte eine überdimensionale Zigarre zwischen Daumen und Zeigefinger. Josep stand auf und stellte der Gesellschaft den Ehrengast vor. Er sei ein berühmter Autor, aber ein noch berühmterer Kabbaiist und habe auch um die magische Praxis nicht etwa einen Bogen geschlagen. Aus dem Heiligen Land hatte er ein Ölbaumblatt mitgebracht, einen Stein aus der Wüste Sinai, sowie sein neustes Buch "Der Schuster von Jerusalem", Dinge, die sogleich herumgereicht wurden, damit jeder sie anfassen konnte. Der Kabbalist sagte: "Well" und bedankte sich bei Josep, indem er versicherte, es sei ihm eine Ehre, sich zu dieser Stunde an diesem ausgezeichneten Ort befinden zu dürfen. Hier wandte sich unser Gastgeber an mich, um mich auf den in unmittelbarer Nachbarschaft liegenden Palast des Nachmanides aufmerksam zu machen. Es war der maurische Palazzo, den ich schon bemerkt hatte. Nachmanides war ein Kabbalist des Geroneser Kreises, und schrieb um das Jahr 1200 einen berühmten Kommentar zur Tora. Von der unter den Kabbalisten seiner Zeit vertretenen These, die Tora enthalte die Namen Gottes, machte er den Schritt zu der radikalen Auffassung, die Tora sei der Name Gottes.* In diesem Augenblick bemerkte ich, daß der Tisch, an dem wir saßen, zwar für dreizehn Personen gedeckt war, beim besten Willen kam ich beim Zählen der Mitglieder unserer Gesellschaft jedoch nur auf die Zahl zwölf. Diese kleine Beobachtung, so schien mir, war genau das Richtige, um mich in das Gespräch einzuführen. Ich fragte also, wer denn wohl der dreizehnte Gast sei und ob er noch käme. Hierauf entspann sich ein lebhafter Diskurs, im Verlaufe dessen die verschiedensten Auffassungen vertreten wurden: Es konnte Isaak der Blinde sein oder gar Nachmanides; eine der älteren Esoterikerinnen bestand darauf, es müsse der Geist ihres verstorbenen Bruders sein; sogar der Golem wurde genannt. Nachdem alle ihre Meinungen vorgebracht hatten, sagte der englische Kabbaiist, wenn ihn seine Erinnerung nicht trüge, so wäre genau dieselbe Situation einmal bei den Chassidim vorgekommen. Man habe sich damals darauf geeinigt, der dreizehnte Gast sei der Messias selbst. Es entstand eine Gesprächspause, und das Singen der Vögel im Garten des Nachmanides war deutlich vernehmbar. Nach dem Essen - es gab eine vorzügliche Paella - begab sich die ganze Gesellschaft unter Führung des Gastgebers feierlich und nicht mehr ganz nüchtern auf den Weg ins "Allerheiligste", wie Josep das Kellergewölbe seines Hauses nannte. Wir stiegen hinab in den Garten. Efeu überwucherte die feuchten Mauern und die Stämme der alten Bäume. Eine Ratte huschte vor unseren Augen zurück in ihr Versteck. Schwefelig schien die Sonne hinter einer schwarzen Wolke hervor und überzog den Palast des Nachmanides mit gelbem Licht. Der englische Kabbalist, der ein Glas Rioja vom Tisch mitgenommen hatte, redete lebhaft auf den dicken Spanier ein. Zu meinem Erstaunen gab er jüdische Witze zum besten: Ein reicher und ein armer Jude beten vor der Mauer. Der arme Jude sagt: "Bitte Gott, erhöre mich und schenke mir nur fünf Goldstücke, damit ich meine Miete bezahlen kann und meine Kinder nicht hungern müssen. Nur fünf Goldstücke, Herr, das ist doch wirklich nicht zuviel verlangt." Auch der reiche Jude neben ihm betet: "Fünftausend Goldstücke, an diesen hängt mein Geschick. Gib mir fünftausend Goldstücke, und ich mache das Geschäft meines Lebens, Herr." Der arme Jude: "Nur fünf Goldstücke, damit mir meine Frau nicht davonläuft." Der reiche Jude: "Meine Schiffe, Herr, meine Waren..." Der arme Jude: "Meine Kinder, Herr, Suppe für meine Kinder." Plötzlich wendet sich der Reiche dem Armen zu und gibt ihm 10 Goldstücke Dieser stutzt, greift danach, verbeugt sich vor der Mauer und stammelt: "Gott, ich danke Dir, danke Dir, mein Gott...", und läuft davon. Der Reiche wendet sich wieder der Mauer zu: "So, Gott, wenn ich jetzt endlich Deine ungeteilte Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen darf..." Unterdessen erreichten wir unser Ziel und betraten plaudernd und lachend das Kellergewölbe von Joseps Haus. Während wir uns umschauten, berichtete mir Jean-Pierre, daß Josep Taris das heruntergekommene, verschachtelte Gebäude mit dem Innenhof und dem verwilderten Garten vor zwölf Jahren gekauft und kurz darauf begonnen hatte, sein Anwesen zu restaurieren. Der Call war damals das Armenviertel Geronas. Er wollte ein Café eröffnen und die obere Etage herrichten als Ausstellungsraum für seine Frau, die Bildhauerin ist. Nachdem er Unmengen von Schutt aus den weitläufigen Kellergewölben geschafft hatte wurde ihm klar, daß sein Haus auf einer Synagoge stand. Und diese Synagoge war es, in der wir uns jetzt befanden. Nacheinander gratulierten wir alle Josep zu seinem archäologischen Spürsinn. Unser Gastgeber zeigte mit seinen zierlichen Armen bald hierhin bald dorthin und erklärte uns die architektonischen Besonderheiten, die darauf schließen ließen, daß es sich um eine Synagoge aus dem dreizehnten Jahrhundert handelte. Vermutlich war sie bis ins fünfzehnte Jahrhundert hinein in Gebrauch gewesen, bis die Juden aus Spanien vertrieben wurden. "1492", sagte der englische Kabbalist. Der dicke Spanier rief aus: "Eine Menge Gold müssen die doch hier versteckt haben!", eine Bemerkung, auf die ein allgemeines Schweigen folgte. Eine der älteren Damen bedachte ihn mit einem skeptischen Blic und sagte: "Ich persönlich glaube nicht, daß hier der Judenschatz verborgen liegt. In den zweihundert Jahren, in denen das Ghetto geschlossen war, bevor die Juden endgültig vertrieben wurden, entwickelten ihre Rabbiner eine rege Reisetätigkeit. Das kann mir keiner erzählen, daß sie diese Reisen nicht auch dazu benutzt haben, ihre Reichtümer in Sicherheit zu bringen. Wir vermuten ja auch, daß ganz Gerona von einem riesigen Tunnelsytem durchzogen ist." Ich stellte fest, daß mein Blick mit größerem Interesse als vorher über das Mauerwerk der Synagoge glitt. Plötzlich gewahrte ich eine Stelle, die von einer anderen Färbung war als ihre Umgebung. "Was ist denn das?" fragte ich Adam. Dieser trat an die bezeichnete Stelle heran und beklopfte sie. "Hast Du etwas gefunden?" fragte Josep. "Etwa den Judenschatz? rief der Spanier. Josep war sogleich mit einem Stemmeisen zur Hand und begann das Mauerwerk zu bearbeiten. Die Steine gaben schnell nach, und die entstandene Lücke offenbarte uns ihr Geheimnis. Die Überlieferung sagt, daß die Juden, wenn sie fliehen müssen, ein saures Brot und ein Sträußchen bittre Krauter im Backofen zurücklassen, als Zeichen, daß sie wiederkommen werden. Das war es, was wir nun sahen. In der Nische, die Josep mit geübten Schlägen freigelegt hatte, befanden sich ein Laib Brot sowie ein Bündel Krauter. Im Verlauf von nicht mehr als fünf Minuten zerfiel das eine wie das andere vor unseren Augen zu Staub. Vier Monate waren vergangen seit jenem Tag bei Isaak dem Blinden. Ich war nach Deutschland zurückgekehrt und arbeitete an dem Artikel über Will Faber, doch ich kam nicht voran. Immer wieder ertappte ich mich dabei, in archäologischen Büchern zu stöbern und den Speicher meines Hauses nach alten Briefen und Fotos abzusuchen. Auf meinem Schreibtisch fanden sich Notizen wie Golem nachlesen Februar 1989 *Ezra ben Salomo, ein |