Helge Dawo Dichter und Mob

Wenn ich aufrichtig sein soll, mein lieber
Graf, muß ich Ihnen gestehen, daß von allen
widerlichen Ausdünstungen der Menschheit
die Literatur mir so ziemlich
die allerwiderlichste ist.
Gide



Ein Dichter erkrankte an einer schlimmen Gemütszerrüttung und konsultierte einen Mob.

„Na", erkundigte sich der Mob, „wie kann ich dir helfen?"

„Guter Mob", sagte der Dichter, „du sollst wissen, es ist so: Man verfolgt mich, wenn ich auf die Straße gehe, und die Autogrammjäger sind auch dann hinter mir her, wenn ich zuhause bleibe. Was in meinen Büchern steht, lobt man, und was ich an Bewunderungswürdigem nicht geschrieben habe, deutet man in sie hinein. Hinter meinem Rücken verwandeln sich meine schlimmsten Kollegen in meine besten Freunde, und vor meinen Augen benehmen sich die schönsten Frauen der Stadt wie die Bacchantinnen. Erwachsene Männer mit Schaufeln schütten Sand in die Baugruben, damit ich nicht in sie hineinfallen, und kleine Jungen mit Schläuchen helfen der Feuerwehr beim Löschen, damit ich mich nicht verbrennen soll. Leute, die mich nur einmal in ihrem Leben gesehen haben, und das flüchtig, erzählen ihren Bekannten noch nach Jahren davon, und Menschen, die bloß vom Hörensagen wissen, daß es mich gibt, fühlen sich denen unendlich überlegen, die nicht einmal diesen Trost haben. Wer nicht eigenhändig Tag und Nacht an meinem Glück arbeitet, läßt arbeiten, wer nicht selbst vermögend genug ist, mir größere Beträge zu überweisen, verfaßt in meinem Namen Bittbriefe. Darum, Mob, tue, was deine Natur dir befiehlt: lege mir diesen Strick da um den Hals und lynche mich."

„Du mußt uns mit jemandem verwechseln", protestierte da der Mob, der in Wirklichkeit eine zur äußersten Bewunderung entschlossene Versammlung von Literaturfreunden war, die alle einen hübschen und solide gearbeitete Lorbeerkranz in der Hand hielten, und heftete sich dem Dichter, als dieser, seinen Irrtum bemerkand, sehr schnell davonrannte,an die Fersen.