Klaus Behringer Die Italienerinnen sammelten Punkte bei mir
aus: Hale Bopp und Luna Nera, Tagebuch einer Italienreise


970429, Dienstag
Ins kleine Schlafzimmer umgezogen mit dem ganzen Schreibkrempel, damit Adlers Kids ein wenig mehr Auslauf haben im Großen Wahnzimmer, Vertipper: Wohnzimmer ohne schlechtes Gewissen. Weil beide Wohnungszugänge durch das Große Zimmer führen, wird es zur gemeinsam benutzten Pufferzone. Meinem Kram genügt auch der halb so große Tisch, Disketten, Fotos, Karten verpackt und geordnet in provisorischen Pappschachteln. Ein Drittel ist um. Haare schneiden und waschen, entschuldige mein längeres Verschwinden im Bad mit der rituellen Waschung zum Monatsende. Mein Spiegel der Deckel der Zuckerdose, der erfreulicherweise wg. Wölbung verkleinert oder vergrößert, nach Bedarf. Anastasia sieht mir vom Balkon aus durchs Fenster beim Bartscheren zu.
Die Italienerinnen sammelten Punkte bei mir. Im Supermarkt ›A&O‹ fragt mich die junge Kassiererin im roten Kittel mit einem Augenaufschlag, dass mir der Schweiß ausbricht, ob sie etwas dürfe, was ich nicht verstehe. Sie deutet auf den Haufen Verpackung, den ich eben erworben habe (in der Hoffnung, es versteckten sich Lebensmittel darin). Geistesgegenwärtig mache ich Si, si und Va bene, wie ich es mir vorgenommen, immer zu sagen, wenn ich nicht weiß, worum es geht. (Sonst erlebt man ja nichts.) Sie wendet sich um, zieht aus einer Schublade unter der Kasse blitzschnell ein Messer, dreht sich wieder zu mir und -- ritschratsch! schneidet sie aus meiner Maxipackung Frühstückskräcker ein paar Rabattbons, munter weiterplappernd, ich sei ja kein Italiener und bliebe doch nicht in Italien, hätte also keine Verwendung dafür. O seliges, mich an die Kindheit gemahnendes Raffen und Heischen! Gabs nicht in den Sechzigern bunte Bögen und Heftchen zum Einkleben des Sammelguts? O Marken- und Ladenbindung des untreuen Publikums! Man zieht ihnen erst was ab und macht die Ware teurer, damit sie immer wiederkommen und sich den Rest noch holen müssen, treublöde lächelnd ihr vollgeklebtes Heftchen gegen 1 Tüte Bonbons tauschen! Gleich noch ein Preisausschreiben hinterher, Mitarbeiter und Rechtsweg von der Teilnahme ausgeschlossen, 5.-20. Preis je 1 neues Sammelheft! Rubbel und kleb dir dein Leben! Ich blicke ihr tief in die eiskalten Sehschlitze... Spar und Edeka... die Scheibe Lyoner, die mir der Metzger schenkt wie immer, die ich nehme wie immer und Klaus sag danke! danke sage, obwohl ich ihn nicht leiden kann, die Edekafrau, die Zöpfe trägt, obwohl unfassbar alt für mich 7-Jährigen, der Edekamann mit Nickelbrille und ihr altersschwacher Schäferhund, der im Slalom den Gehweg, man sagte Bürgersteig, vollpisst, Ein dummer Esel kauft alles... meint mein Vater dazu und lacht, dass du das aber niemals so sagst, schon gar nicht im Laden, das ist Geschäftsschädigung... der schlanke BP-Tankwart, die grüne Latzhose direkt auf der sonnenbraunen Haut, reicht mir in alter Freundschaft augenzwinkernd drei Rubbellose, ich reibe gleich mit meinem grünen Groschen... 5 Mark! 5 Mark! da bin ich König und darf tauschen gegen einen echten grünen Schein mit einem Mädchen drauf, die gefällt mir sogar, obgleich sie schon vor ganz langer Zeit gelebt haben soll wie im Märchen... und wie im Märchen riecht es nach Lindenblüten und Superbenzin und Haarwasser Pitralon... war Pitralon nicht ein Hahn, und wieso überhaupt Haarwasser? Weil ich beim Friseur hocke auf grünem Kunstledersessel, der wird per Pedal hochgepumpt, dass ich mich im Spiegel sehe, ich blicke aber aus dem offenen Fenster zur Tankstelle, denn dort röhrt vollgetankt die schwarzlederne Motorradfahrerin (die Mähne flattert unterm Helm vor) im Bogen auswärts, dass mein Großvater am Fenster anerkennt: Donnerwetter, die hat aber Schneid! Während der Friseur, um endlich fertig zu werden, mir den Kopf mit barscher Hand zurückdreht zum Spiegel und spreizt die schwarze Schere... nur etwas dünner die Haare... hat er mir doch wieder alles gekappt bis auf son blöden Vorhangschnitt, tagelang werd ich mich verstecken... Opa grinst, setzt seine Kappe auf, dreiachzich, und lässt dem Friseur drei Groschen in die rechte Tasche des grünen Frisierkittels fallen... Bah, hab mich heut Morgen selber vorhänglich verschnitten, sehs ja im Spiegel über der Kasse, da steh ich immer noch, und die in ihrem roten A&O-Kittel lacht und erkennt klar meine Trance, bescheißt mich milde mit dem Rückgeld, ich merke es nicht, sondern schwebe leicht ins Freie, das Hirn technicoloren umwölkt vom Flor der 60er.
Rosa hat aus meinen weggeworfenen Milchtüten die Sammelmarken gerissen mit profitlichem Raffke-Gelächter, ah, i punti! Recht so, soll nichts umkommen. Ich beschließe, damit sie nicht immer meinen Müll durchsuchen muss, ihr die Punkte selbst rauszuschneiden. Aber da gehts erst los! Anastasia, Atzes und Gabis kleine Tochter, entdeckt auf meinem Küchentisch ein Häufchen Sammelpunkte. Was ist daaas? Ich erkläre es geduldig, da räumt sie aus allen Mülleimern, Kühl- und Wandschränken die Safttüten und Kaffeepackungen, Flaschen und Schachteln und schneidet reißt und fragt mich bei jedem bunten Fleck, ob er sich eigne.
Rosa brachte Handwerker, die auch dichten sollen, nämlich den Wasserhahn in der Küche.

Familie Adler fliegt aus, als kurz die Sonne auftaucht. Danach aber wieder stundenlang Regen, auch heftig, und schwere Wolkendecken zwecks Verdunkelung. Wassereinbrüche durch offene Küchenfenster beider Wohnungen, wische alles wieder auf. Blicke nach draußen auf die jungen zartgrünen Terrassenbäume, Linden sinds. Fühlen sich wohl, die Palme aber vor dem Fenster lässt wie ein halbverbrannter und gelöschter Papagei das Federkleid hängen.
Rosa ruft mich und sagt Non movere!, was ich nicht kapiere, da winkt sie mich in die Küche: Die beiden blauen traurigen Handwerker wirken völlig erschöpft. Offenbar hat Rosa sie zermürbt. Sie haben einen neuen Hahn montiert (der alte sei completto rotto gewesen) und die Spüle mit Silikon frisch zur Wand hin abgedichtet. Ah, non movere, ich soll nicht dran rücken, bis das Silikon fest ist.
Am Abend die Adlerfamilie in den Güldnen Gockel eingeladen zum Pizzaessen.

970430, Mittwoch
Der klarste Tag im April, und Rosa putzte ab 9½. So breche ich mit kleinem Gepäck (5-6 kg) auf zu einer Tour in den Naturpark. Halte das durch, muss aber schon vor der Hälfte der Strecke kräftig auf die Zähne beißen. Seit dem Frühstück nichts gegessen, selber schuld.
An der Stelle der Nerovilla (am Rand der Anieneschlucht ausgegraben) stand das erste Kloster, das Benedikt von Nursia gründete. Es wurde im 13. Jh. aufgegeben. Kaiser Nero hatte zuvor den Aniene aufstauen, eine Villa am Ufer und eine Brücke über den See bauen lassen. Im Tal offenbar ein E-Werk mit Stauvorrichtung, sie warnen vor Flutwellen, die Talstraße ist gesperrt. An dicken schräggespannten Stromkabeln hängen die Klöster wie an Nabelschnüren. Benedikt gründete in diesem Tal und um Subiaco angeblich 12 Klöster, davon ist nur noch ein Ort nicht aufgegeben: Scolástica (älteste Teile allerdings aus dem Mittelalter). Fahre praktisch hindurch, besichtige es aber nicht, da 1 Reisebus davor steht. Die Klöster (mehr noch Sancto Speco) mit Spucke an den Felsen geklebt. Nicht selten haben herabstürzende Steinbrocken Mönche erschlagen -- wie es auch mir geschehen könnte auf der steilen Hangstraße nach Jenne. Und ohne einen Laut taumelte ich von der Fahrbahn und stürzte den Steilhang hinunter in den Aniene, die Gazelle fände man zuerst, verfangen in einem knorrigen Eichenzwerg. Hinter Jenne windet sich ein Fahrweg aus Kalkschotter (Strada bianca) bis zum Monte Livata. Schaffe das nur mit Pausen bis zu einem paradiesischen aber kalten Hochtal, in dem Pferde frei herumlaufen. Ein Wintersportort mit den üblichen schrägen verwitterten Betonkästen, trostlos entleert zum Saisonende, schmuck dagegen ist Oberhof! Gleicht den Saisonkäffern im frz. Jura oder vielleicht Le Markstein in den Vogesen. Die Straße von Subiaco nach Rocca di S.Stefano beginnt an einer schönen Anienebrücke aus dem 14. Jh. und einem ergiebigen Brunnen, aus dem jedermann trinkt wie auch ich. Hinter der Kirche zum hl. Franz aber verliert sie sich zwischen halbverfallenen (Wochenend-)häusern im Privatschlamm. Leider 200 Höhenmeter vergebens geklettert. Die Heimfahrt nur noch ein Ringen gegen komplette Erschöpfung.
Strecke: 85,1 km. Olévano (571 m) -- Kreuzung unterhalb Bellegra (800 m) -- N 411 bis oberhalb Subiaco (400 m) [Naturpark ein] Anienetal -- Nerovilla -- Abtei Sancta Scolastica -- Abtei San Benedetto -- Kapelle San Giovanni dell'aqua (778 m) -- Jenne -- Pferde-Hochtal unterhalb Monte Pratíglio (1400 m) -- Monte Livata (Wintersportort 1400 m) -- [Naturpark aus] Subiaco (400 m) -- Kirche San Francesco -- Weg nach Rocca di San Stéfano (ca. 600 m, unwegsam) -- Kirche San Francesco -- Subiaco (400 m) -- Kreuzung unterhalb Bellegra (800 m) -- Olévano (571 m). Summe Steigungen ca. 2 000 m, wenn man die Hügellandschaft mitberücksichtigt. Persönlicher Rekord? Vielleicht, knapp vor der Tandem-Tour aus dem Rheintal auf den Grand Ballon. Aber mit nur leichtem Gepäck.
Zu Hause 3 Teller Capellini gegessen, viel getrunken und todmüde ins Bett für 10½ h Schlaf.

970502, Freitag
Gestern und heute die ersten warmen Tage. Gestern nachmittag allerdings noch Gewitter und heftige Güsse. Kann schon um 10½ mit nacktem Oberkörper auf dem SO-Balkon sitzen. Habe mir aus 2 Stühlen eine Schreibvorrichtung gebaut.
Die Mastropietros haben das ausstehende Geld kassiert, von mir 208 000 L (220 DM), davon 60 000 für Abols Übernachtungen, der Rest Telefon (988 Einheiten). Leider war die Rechnung falsch (falsch abgelesen). Muss versuchen, ihnen das klarzumachen, sonst stimmts nächsten Monat wieder nicht. Palaver auf der Terrasse, Signore nimmt persönlich den Zähler unter die Lupe. Trotz Sonnenschein knipst er noch das Licht an. Wir einigen uns auf 700 Einheiten, also nur 105 000 L. Erhalte 43 000 L zurück.

970503, Samstag
Fahrt tutta la familia Adler mit dem Auto bis Colleferro Stazione, dann mit Zug bis Termini, klappt ganz gut. Abschiedsbesuch des Legationsrats 1. Klasse Dr. Jürgen Kriegoff in der Massimo. Erkenne ihn nicht gleich, er trägt kein Monokel und hat etwa mein Alter. Im zauberhaften Garten von Schilling unter Mandarinenbäumen mit Früchten d'antan, lauer Sommerwind auf der Dachterrasse. Nen würdigen altrömischen Ober mit Mille-Foglie-Gesicht und weißem Kellnerwams hat er auch engagiert, der Shit! flucht, wenn er ein Sandwich fallen lässt. Das Essen leider nicht anlassgemäß, der Salat wie am Vortag angerichtet, matschig, abgesoffen. (Den einzigen guten Salat bisher in Italien bekam ich an der Selbstbedienungstheke im römischen Hauptbahnhof.) Blasiertes Sektglaspublikum, vom wichtigtuerischen solargebräunten Arzt bis zur dummen Kulturschüssel: Ihr Handfon wird mitten im Samstagnachmittag von der Süddeutschen Zeitung angerufen. Christa und Wolfgang fehlen leider. Mit was für langweiligen Frauen manche Stipendiaten geschlagen sind, Kleiderständerinnen. "Erloschene Blondinen", schrieb Piwitt. Nach 26 Jahren hat sich nicht viel geändert, verdammt.
Geflohen durch Rom: Villa Massimo -- V Giovanni Battista -- V di Villa Ricotti -- V di Villa Massimo -- V Rovigo -- V Bari -- P Salerno -- V G. B. Morgagni -- P Girolamo Fabrizio -- Vle del Policlinico -- P della Croce Rossa -- V Montebello -- V Volturno -- L Monte Martini -- P del 500 -- Stazione Termini -- V Manin -- V Principe Amadeo -- V Gioberti -- Santa Maria Maggiore -- V d. Olmata -- V dei 4 Cantoni -- V in Selci -- V Cavour -- V M dei Monti -- L Corrado -- V Alessandrina [Forum Traianum] -- P Venezia -- V del Corso -- Vic. del Piombo -- P dei SS. Apostoli -- V di S Marcello -- V dell'Umilta -- V delle Vercini -- V del Muratte [Fontana di Trevi] -- V Poli -- V del Tritone -- P S Silvestro -- V de Mercede -- V C. le Case -- V F. Crispi -- V Sistina -- P Barberini.
Am schlimmsten stank der Corso. Bloß die großen Straßen meiden, die Via Cavour. Hinterm Hauptbahnhof Schlägerei eines besoffenen Pärchens: Dicker in Hemd und blauen Hosen, Dicke im verknautschten Jeansanzug auf Straßenkreuzung vor brüchigen Hauswänden, 3 PKWs und 3 übervollen Müllcontainern. Er blutet an der Hand, ist etwas zerbrochen? Wirft ihre Jacke aus dem Auto, sie schleudert sie aufs Dach zurück. Er raus, wankt auf sie zu, sie schrein sich an. Das kann man nur sehn, nicht hören im Blechgewühl. Driften auseinander, Winkalphabet, Armtorkelei, dramatische Mienen. Théatre muet, wer hat das choreografiert? Ein kleiner Alter auf Mikro-Moped, wie ein schwachsinniger Affe hockt er, voll Mitleid unbeteiligt, kopfwackelt und versucht zu schlichten. Dem Trunkenbold von Regisseur ist hoffnungslos das Stück entglitten. Die Akteure wirbeln sich und ihre Obsession achtlos um ihn herum. Publikum häuft sich, welches halb grinst halb Unterlippe beißt. Auf einmal stehn die Mimen still -- wie geht der Text? Niemand souffliert. Die Chance des Alten: verpasst sie blöd nostalgisch lächelnd. Ecco: Jetzt steigt Er ein, wirft die Maschine an, kurvt rückwärts, sachte vor Suff, oder um Sie nicht zu überfahren? Sie ahnt kaum -- was geht vor? Stolpert zur rechten Tür (da sperrt schon der Riegel), greift ihre Jacke vom Dach, wirft sie aufs Frontblech, zieht sie zurück. Rotlicht und er muss warten: Zeitlupig springt Sie hinterher, beherrscht vom retardierenden Dämon, reißt am Heckklappen-Griff -- Grün! Wär Sie ihm gekrochen hinten rein? Vorbei. Rasch kratzt Er los, die Kurve & scheppert mit Qualm davon, Sie bleibt zurück im Blechstrom, sinnlos die Jacke in der Hand, peitscht sie ihm hinterher, nur trunken-ungefähr, und rudert träg zum Ufer. Ich seh: Mit nassen Wangen.
Fontana di Trevi: dicht umlagert vom Bienenschwarm aus Touristen und Einheimischen, dass man gleich Börse und Fototasche fester fasst, seitlich aus einer Gasse schießen forzend 4 jugendliche Vespasen Vespasiennen Vespasinnen Vestalinnen, und an den gigantischen weißen Konditorklumpen mit grünem Marzipanguss (= das Wasser unten) komme ich gar nicht ran, so dicht ist er umstellt und umsessen. Leute wie Schokostreusel auf einer Butterkrembombe. Wo das Schild ›Acqua non potabile?‹ Fotografiere stattdessen eine Hauseckmadonna im 1. Stock, die eine leuchtende zapfenförmige Lampe (vor ihr aufragend) süßkeuschsüchtig anhimmelt: Solche Lampen kenne ich von alten französischen Toilettenspiegeln. Am linken unteren Rand kauert einer, der mir auffällt, weil er dem "Brunnen" den Rücken zukehrt, mit seinem Handfon glücklich am Ohr telefonaniert er dort in all dem Lärm, Aufbäumen und Gespritze.
Hinter der Trajansäule vor der ›Arab Bank‹ lehnt ein Straßenhändler, ein Afghane, Pakistani?, der einen mechanischen Plastekämpfer feilbietet. Der robbt im Tarnanzug auf den Gehwegplatten von der Hausmauer aus vor, wenn ein Touristenschwarm um die Ecke biegt, und knallt blitzt rattert ein paarmal mit seiner Bleispritze. Sein Herr retiriert ihn schnell, achtet ängstlich darauf, dass den Freischützen keiner zertritt. Vielleicht fehlt ihm auch die Lizenz?
Schaffe gerade noch mit der Metro von Barberini aus den Rückweg zum verabredeten Regionalzug 19.37 aus Termini Gleis 18. Wie viele Gleise hat der Hauptbahnhof? Atze hat den Plastekämpfer auch gesehen und beinahe erworben.