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| Marcella Berger |
power slide Wenn der weißgraue Nebel in der Talsenke einen Stich ins Blaue bekam, und das war um diese Jahreszeit schon kurz nach dem Mittagessen der Fall, stieg er in seinen Wagen. Sobald er den Zündschlüssel umdrehte und der Motor mit diesem satten Blubbern und Brodeln ansprang, fühlte er sich besser. Er trat das Gaspedal im Leerlauf durch und horchte, ob ihm irgendetwas auffallen würde, ein irritierendes Motorgeräusch oder sonst ein alarmierender Ton. Die Nadel des Drehzahlmessers schnellte bis ans Limit. Er nahm den Fuß vom Gas, alles war okay, ein tiefes, kräftiges Grummeln. Auf seinen Porsche konnte er sich verlassen. Er raste über die feuchten Straßen, er kannte jedes Schlagloch auf der Strecke, jede Kurve, er wusste genau, wie er sie anzugehen hatte. Heute war so wenig Verkehr, dass er die eine oder andere im Drift würde nehmen können, die Landsweiler Spitzkehre sogar im Power-Slide. Dass er so schnell fuhr, bedeutete nicht, dass er es eilig hatte. Er hatte es nicht eilig. Die Bar war den ganzen Nachmittag geöffnet. Er hatte aber nicht vor, sich unten zu zeigen. Er würde gleich oben klingeln, an Heiligabend war sowieso nicht viel los. In der Wohnung, vor allem in der Küche war es viel gemütlicher. Der Dunst klebte wie dünngezogene Zuckerwatte an den Bäumen. In den Senken war der Nebel an manchen Stellen so dicht, dass er ganz vom Gas musste. Das kostete Zeit. Siebzehn Minuten war sein Rekord. Altheissweiler. Siebzehn Minuten waren heute nicht drin. Noch nicht mal annäherungsweise. Die Ortsdurchfahrten waren ein Ärger. Runter vom Gas, bis auf hundertzwanzig, hundert. Kein Mensch auf der Straße. Wie ausgestorben lagen die Dörfer. Sie stellen sich tot, dachte er. Noch nicht mal eine Katze sah man am Straßenrand oder sich durch ein Scheunentor drücken. Er mochte keine Katzen. Wenn er eine erwischen sollte, geschähe es ihr gerade recht. Bei dieser Geschwindkeit war es ihm allerdings lieber, keine Katze unter die Räder zu kriegen. Neun Minuten. Es war nicht sonderlich kalt. An Schnee nicht zu denken. Zu mild für die Jahreszeit. Das hatte auch sein Gutes, er musste nicht auf vereiste Stellen achtgeben. Im Winter hieß es höllisch aufpassen auf den Höhen. Auf der Konker Kuppe und am Ehfelder Ries. Dort pfiff einen der Wind fast weg. Einmal hatte es ihn glatt aufs freie Feld gefegt, Gott sei Dank aufs freie Feld. Eis würde es heute nicht geben. Aber eine Schmiere aus verfaultem Laub lag auf der Straße, die auch nicht ohne war. Und dann die Nebelschwaden im Tal. Er sah auf die Uhr im Armaturenbrett, dreizehn Minuten, das war okay für die Straßenverhältnisse. Er fuhr hochkonzentriert. Eigentlich fuhr er immer hochkonzentriert. Alles wurde klar und scharf, sobald er im Wagen saß. Nichts Ungenaues mehr. Keine Unsicherheiten. Wie ins Leben zurück gekehrt fühlte er sich. Wach. Präsent. Jetzt noch die Kehre und das gerade Stück, wo er es richtig laufen lassen konnte. Er fuhr die Kurve scharf an und zog die Handbremse. Schlug das Lenkrad stark ein. Der Wagen drehte sich fast um sich selbst, genau in die richtige Position, um anständig aus der Kurve zu kommen. An den Raiffeisen-Silos vorbei. In vier, fünf Minuten würde er da sein. Er war froh mit diesem Wagen, den ersten Porsche, den er fabrikneu gekauft hatte. Fast ein Jahr hatte er auf ihn warten müssen. Dieses Auto war einwandfrei. Man wusste genau, wo man dran war. Kein Kompromiss. Sein bester Freund hatte sich einen 5er Alpina zugelegt. Auch nicht schlecht, aber doch nicht das Gelbe vom Ei. Er schaltete herunter. Autos waren doch eine saubere Sache. Genau genommen waren Autos nichts anderes als angewandte Philosophie. Konsequente Gedankenführung, das war es! Konsequentes Denken in der Praxis. Die meisten Leute waren dafür nicht straight genug. Genau genommen waren sie zu feige. Selbst zum Denken waren die meisten zu feige. Jetzt noch die Ausfallstraße. Schnurgerade. Er trat das Gaspedal durch und wurde in den Sitz gepresst. Und einen hervorragenden Wiederverkaufswert hatte der Wagen auch. Konsequenz, das war es. Kein Geschwafel. Kein Selbstbetrug. Kein Leim im Kopf. In Wirklichkeit steckten natürlich die Frauen dahinter. Die wollten am liebsten einen dicken Benz. Eine Gebärmutterkutsche, schön gepolstert. Wenn er nur daran dachte! Karlfriedrich zum Beispiel. Wie der sich von seiner Alten händeln ließ! Bei ihm hätte die nicht den Hauch einer Chance - der hätte er längst den Parcour abgesteckt! Die ersten Vorortbauten, hässliche Klötze. Er könnte nie in so einem Kasten hausen. Gut wohnen war wichtig. Sehr wichtig sogar.. Die Tachometernadel stand auf einhundertsechzig, als er das Ortsschild passierte. Neunzehneinhalb Minuten, er ging vom Gas, die Ampel vorne an der Straßenkreuzung stand auf rot. Er ließ den Wagen auslaufen. Er konnte zufrieden sein. Mit dem Auto. Mit seinem Haus. Mit seinem ganzen Leben. Auch über seine Frau konnte er sich nicht beklagen. Die hatte Geschmack. Hatte alles ausgesucht. Modern. Mit Möbeln musste man sich auskennen. Da war bei weitem nicht alles Gold, was glänzte. Immer noch rot. Wieso dauert das so lange, verdammt? Was für ein Blödsinn, heute die Ampelanlage nicht auszuschalten! Wo doch tote Hose war auf den Straßen. Ob er einfach losfahren sollte? Aber genau hier hatte er schon mal ordentlich blechen müssen. Und überhaupt, es war doch egal, wann er ankam. Offenbar durfte heutzutage jeder die Landschaft verschandeln, wie es ihm gerade passte. Lauter Schuhkartons, was hier rumstand. Plump und einfallslos. Eine Baugenehmigung dürfte nur bekommen, wer wenigstens ein Mindestmaß an ästhetischem Empfinden nachweisen konnte. Die Ampel sprang auf grün. Er schaltete in den ersten, und gleich in den zweiten. War schlechter Geschmack eine soziale Errungenschaft? Nein, was er hier sah, ging nicht durch! So was wie einen Überwachungsverein für Formgefühl müsste es geben. Einen TÜV für Architektur, für alles, womit man andere belästigen konnte. Was sie in ihren vier Wänden trieben, das sollte ihm egal sein. Seinetwegen konnten sie sich das Lametta tonnenweise um den Kronleuchter hängen. Gutes Design. Klare Linien. Sonst gab es nichts und es würde auch nie etwas anderes für ihn geben. Deshalb hatte er auch nichts an verstaubtem Schnörkelkram. An Antiquitäten. Wenn er nur daran dachte, an seine Mutter, das Theater, das sie veranstaltete, Louis quatorze und Louis quinzième. Ludwig der Dicke und Ludwig der Dünne und das ganze Blabla. Er würde nicht buckeln. Vor dem alten Krempel nicht und nicht vor ihren funkelnden Ohrclipsen. Die alte Ratte! Sollte sie und ihre ganze Mischpoke ihn ruhig für einen Banausen halten! Für kulturlos. Für einen, der sich nicht auskannte. Sollten sie doch! Er würde nicht in die Knie gehen, nicht vor ihr und nicht vor ihren Schreinerschränkchen und Stuhlbeinchen, die sie als Meisterwerke Odenwälder Holzschnitzschulen aus der Zeit der mittelfrühen Nachkriegsklassik ausgab. Sofern sie sich in ihrem Besitz befanden. Er grinste. Um ihm zu imponieren, musste man ein bisschen tiefer in die Trickkiste greifen! Und wenn er sich auf sonst nichts würde verlassen können in seinem Leben - seinem ästhetischen Empfinden konnte er trauen. Da machte ihm keiner was vor! Form und Material mussten stimmen. Glas. Edelstahl. Und Leder, natürlich. Er hatte nichts gegen Natur. Schön wollte er wohnen. Er wohnte auch schön, seine Frau hatte ein gutes Händchen. Er hätte ihr auch nicht verziehen, wenn sie keinen Geschmack gehabt hätte. Er beschleunigte. Dass an keinem anderen Tag im Jahr die Straßen so leer waren, musste man nutzen. Die Drehmomentnadel schnellte in den roten Bereich. Über seine Frau konnte er sich nicht beschweren. Sie wusste, worauf es ankam. Natürlich gab es auch bei den Modernen Unechtes. Was man halt so unecht nannte. Nachbauten. Kopien der Nachbauten. Jetzt sogar schon aus Asien. Die waren noch nicht einmal schlecht, die Eileen-Gray-Tischchen zum Beispiel. Kosteten grad noch die Hälfte. Grüne Welle. Nach drei, vier Kreuzungen bog er in die kleine Seitenstraße ein. Im Grunde waren Autos das Einzige, woran man sich wirklich halten konnte. Da gab es auch keine billigen Nachbauten. Aber gegen sein Haus war auch nichts zu sagen. Nichts hatte er dem Zufall überlassen. Jedes Detail war überlegt. In die gepflegte Toreinfahrt einbiegen, an den hellerleuchteten Fenstern vorbei gleiten, das Geräusch von langsam rollenden Gummireifen auf Kies machte ihn fast glücklich. Und dann von seinem Wagen aus auf sein Haus schauen. Am liebsten wäre er für immer in seinem Auto sitzen geblieben. Einfach sitzen, im Auto sitzen und auf sein Haus schauen. Von dem kleinen geharkten Kiesplatz aus, wo er den Wagen lieber parkte als im Carport, sah man einen irisierenden Schimmer über dem Zinkblechdach. Eine ganz schöne Stange Geld hatte ihn das Dach gekostet. Er bog auf den kleinen Parkplatz ein, der zur Bar gehörte, brachte den Wagen zum Stehen und stieg aus. Einen Moment betrachtete er prüfend die Fassade des schmalbrüstigen Hauses auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Die Fenster der drei Stockwerke, wo unter den Simsen hatte der Regen schwarzgraue Spuren hinterlassen hatte. Das Haus brauchte dringend einen neuen Anstrich. Strapsi-Bar. Die geschwungene Neonschrift zog sich über die gesamte Hausbreite.Er ging zum seitlichen Eingang, einer unauffälligen Alutür, und drückte den Klingelknopf mit dem leeren Namensschild, lang kurz kurz lang. Der Türöffner summte. Er stürmte die Treppen hoch. Er war zu geizig, um den Mädels Champagner mitzubringen. Er hätte es als einen Akt der Verschwendung betrachtet, und er war kein Verschwender. Sekt tat es auch. Er musste nicht groß in die Tasche greifen und was springen lassen, die Mädchen waren auch so lieb. Außerdem war es eine gute Marke. Er würde sie demnächst mal wieder zu einem Rennen mitnehmen. Dass es nicht die deutschen Meisterschaften waren, machte ihnen nichts aus. Eigentlich war es das, was er am meisten an ihnen mochte: Sie waren dankbar. Er setzte sich zu Iris und Elena in die Küche, ließ die Sektkorken knallen und lachte aus vollem Herzen. Das kam selten vor bei ihm. Schon früh hatte er sich ein Stakkato-Lachen angewöhnt. Als er begriffen hatte, dass zu den Insignien des Erfolges der Hohn gehörte, der im Lachen mitschwang. Er zog Iris auf seinen Schoß. Das Mädchen, das nicht sehr geschminkt war, strich ihm über den Kopf und zupfte an seinen kurzgeschnittenen Haaren herum. Hey, sagte es, hast du´n Sechser im Lotto gewonnen, Schätzchen. Du strahlst ja wie´n Wonneproppen! Sie schlang ihre nackten Waden um seine Hosenbeine und drückte ihn an sich. Elena saß im Sessel und blätterte in einer Illustrierten. Mit ihr hatte er die Verhandlungen geführt. Sie hatte gleich deutlich gemacht, dass sie sich in keiner Weise über den Tisch ziehen lassen würde. Dabei hatte sie uns aufmunternd angelächelt. Als würde sie ihm Glück für eine bevorstehende Prüfung wünschen. Im Frühjahr werde ich das Haus streichen lassen, sagte derMann, es sieht zum Heulen aus, die Wetterseite halt. Elena schaute kurz auf und nickte. Als es klingelte, drückte sie ihre halbgerauchte Zigarette aus und ließ Rosi ein. Fettgeruch von Wienerwald-Hähnchen. Pommes frites. Der Mann merkte, dass er Hunger hatte, wollte aber den Mädels nicht ihre Hähnchenschenkel wegessen. An der Straßenecke gab es eine Imbissbude, vorhin war sie noch offen gewesen, vielleicht hatte er Glück. Als er auf die Straße trat, war es schon dunkel. Die dicke Frau hinter dem Grillrost packte die Senf- und Mayo-Flaschen ein, sie wollte dichtmachen. Er ließ sich die letzten Rostwürste enpacken, die lange auf dem Grill geschmort haben mussten, so schrumpelig und aufgeplatzt wie sie waren. An Krautsalat nahm er alles, was sich noch im Vorratseimer befand, es war eine ganze Menge. Da würden sie noch morgen davon essen können. Er hatte nicht mit zwei oder drei Plastikschüsselchen oben aufkreuzen wollen, heute, an Weihnachten. Er bezahlte, was sie verlangte, die alte Schlampe dachte nicht daran, ihm einen Sonderpreis zu machen. Er schwor sich, nie mehr etwas bei ihr zu kaufen, nahm wortlos seine in Packpapier eingewickelten Sachen und ging. Als er die Treppe hochstieg, dachte er, dass er gar nicht mehr lange würde bleiben können, seine Mutter und seine Frau hatten sicher den großen Tannenbaum, der bis zur Galerie hinaufreichte, schon prächtig geschmückt. Er würde mit den Mädels die Rostwürste essen und sich dann aus dem Staub machen. |