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| Helge Dawo |
Die Erfindung der Schrei-Maschine (oder: Noch ein Abend auf hoher See) Ich saß an diesem Abend im Gediegenen Wrack, einem freundlich tapezierten Dreieinhalbmaster von einer Gastschenke, und genau in dem Augenblick, als sich die Flüssigkeit in meiner Flasche Absinth auf die Hälfte, und die Zahl der weiblichen Passagiere an Bord auf Augusta, eine rüstige Achtzigjährige mit Holzbein, reduziert hatte, machte sich in den geräumigen Hallen meines Gehirns plötzlich ein Gedanke breit, der in Aussehen und Geschmack ungefähr einem in Fetzen hängenden Fogsegel glich, im wesentlichen aber höchst simpel darin bestand, mit meinem Talent zur Abwechslung doch einmal etwas Sinnvolleres anzufangen, als immer nur den havarierten Schönheitsköniginen der sieben Meere nachzustellen. Da erfand ich - und zwar mit Hilfe eines gußeisernen Rettungsringes, zweier aufblasbarer Anker, dreier fluguntüchtiger Seemöwen sowie - natürlich - einer weiteren Flasche aus den Privatbeständen des Kapitäns, die Schreimaschine - einen Automaten mit Rettungsschwimmerambitionen, der außer daß er eine verdammt gute Figur hatte, auch noch knochenmarkerschütternd schreien, pyramidenerbebenlassend flehen, und zum Kathedralen erweichen seufzen konnte. Bei alledem, und ohne daß es dabei auch nur einmal hätte blinzeln müssen, ergoß sich ein so schöner und stetiger Tränenstrom aus dem Auge des Dings, daß die Anzahl der Reiseunternehmer täglich zunahm, die in ihre Pauschalpakete für Flitterwöchner, anstatt eines Besuches bei den Niagara-Fällen, einen netten, kleinen, zweiwöchigen Zwischenstop bei dem Produkt meiner Erfindungskraft mit hineinpackten . Es war aber nicht nur die Tourismusbranche, die ökonomische Morgenluft witterte. Abgesehen davon, daß man zum Beispiel eine x-beliebige Person heiraten und es dann, während eines romantischen Sonnenaufgangs, und in die vorwegnehmende Anschauung einer gemeinsamen goldenen Zukunft versunken, mit dem Hubschrauber überfliegen konnte, blieb seine Nützlichkeit sogar dann noch bestehen, wenn der Honigmond vorbei war, und der Alltag einem wieder mit der enthusiastischen Gewalt und feinsinnigen Normalität von Beethovens Fünfter gegen die Stirn klopfte. Seine artifiziellen Seufzer - befanden die Kritiker der großen Opernaufführungen - waren von einer Güte, die alles, was menschliche Stimmbänder auf dem Gesangessektor zu leisten vermochten, bei weitem überstieg; seine hydraulisch amplifizierten Schreie waren von einer Qualität, die den Befehlshaber der mächtigsten Armeen sowie den Müttern schwererziehbarer Jugendlicher ein beeindrucktes Räuspern entlockte; und sein inniglich synthetisches Flehen, das mit nichts vergleichbar war, was sich jemals der Brust eines verzweifelten Bittstellers oder der Magengrube einer hormonell indisponierten Katze bei Vollmond entrungen hatte, stieg, durch den von leichten Dunstschleiern verhangenen Himmel und an den vor Bewunderung aufgerissenen Ohren der vier Cherubim vorbei, geradewegs bis zum Thron des Herrn der Heerscharen empor, woraufhin dieser, der Herr, sein gütiges Haupt wohlwollend neigte. Natürlich ließ ich billig und in Asien produzieren, und da mir niemand einfallen wollte, der sich geweigert hätte, mit dem technischen Fortschritt schrittzuhalten, dauerte es eine ganze Weile, bis die Nachfrage gedeckt war, und das Reich der Mitte wieder die Füße auf den Tisch legen und sich bei einem Gläschen Reiswein entspannen konnte. Ich aber packte das beachtliche Vermögen, das ich auf diese Weise gemacht hatte, in eine Seekiste und gebot dem Lakaien, den ich zu diesem Zweck gemietet hatte, dieselbe in den Laderaum zu schleppen. Dann äußerte ich meinen Wunsch, die Segel gesetzt zu sehen, und nahm mit dem Gediegenen Wrack direkten Kurs auf die Südsee. Alles ist also soweit gut, und außer an der Qualität der weiblichen Passagiere, besonders Augustas, habe ich an dieser Episode meines Lebens wenig auszusetzen. |