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| Andreas Dury |
Jacks Yammi Jack, ein Kumpel von mir, saß wegen einer BTM-Geschichte im Knast. Das heißt, er hätte eigentlich im Knast sitzen müssen, lebte aber unter falschem Namen an der Algarve. Das wusste ich, weil mir seine Mutter eines Tages seine Krankenversicherungskarte geschickt hatte und mich bat, damit zum Arzt zu gehen. Sie wollte ihn besuchen und fand es angebracht, vorher noch ein paar falsche Spuren zu legen. Dieser Kumpel hatte früher eine wassergekühlte 350er Yamaha gehabt. Ein Zweitakter, kaum größer als ein Kleinkraftrad, fast 50 PS, giftiger als eine Kobra. Ich rief seine Mutter an und fragte, was daraus geworden ist. Sie sagte, der Keller sei voll davon und sie wäre froh, wenn ich vorbeikäme und alles abholte. Wir mieteten einen Transporter und fuhren hin. Sie lebte in einer 8-stöckigen Mietskaserne in einem Vorort von Hannover. Ziemlich jämmerlich. Ihr Mann hatte sie verlassen, als Jack zwölf war. Jetzt war sie in Rente. Sie war ohne Ausbildung ihr ganzes Leben lang an irgendwelchen Fließbändern gestanden. Sie freute sich sehr über den Besuch. Kaum hatten wir unsere Jacken ausgezogen, stand schon eine Flasche Korn auf dem Tisch und die Kaffeemaschine brodelte. Der Fernseher lief und sie schaltete ihn die ganze Zeit nicht ab. Wir redeten eine Zeit lang über Jack. Im Sommer hatte sie ihn besucht, aber es hatte sie nicht glücklich gemacht. "Er macht wieder diese Geschäfte", sagte sie, "und treibt es toller als früher. Er wohnt mit zwei Männern in einem Bungalow direkt am Meer. Frauen waren auch da, aber ich habe nicht herausgefunden, welche zu Jack gehört. Junge Dinger. Deutsch können die nicht. Einmal sind wir mit dem Motorboot rausgefahren. Das war eigentlich ganz schön." Ich fragte sie nach Jacks Gesundheitszustand. Denn damals, kurz nachdem er eingefahren war, hatte der Gefängnisarzt einen Verdacht auf Hodenkrebs festgestellt. Er war zur Untersuchung in ein Krankenhaus überstellt worden und da ist er dann abgehauen. Seine Mutter sagte, er hätte gesagt, ihm gehe es so gut wie noch nie und er habe nicht darüber reden wollen. "Ich glaube, er geht gar nicht zum Arzt", sagte sie, "Der Krebs ist für ihn genauso wie das Gesetz etwas, vor dem er weglaufen will. Eines Tages wird er davon eingeholt. Entweder schnappt ihn die Polizei oder der Krebs. Aber er will es nicht anders. Er will seinen Spaß haben und dann Peng! ist alles vorbei. An andere denkt er nicht." Sie weinte ein bisschen. Ben wendete sich dem Fernseher zu. Sie goss die Gläschen so voll, dass sich eine Schnapslinse über den Rand wölbte. Ich dachte, sie hat normalerweise ein größeres Glas vor sich stehen. "Ich habe ja jetzt auch Brustkrebs", sagte sie. Es war das erste, was ich davon hörte. "Davon wollte er gar nichts wissen. Ich hatte keine Gelegenheit, es ihm zu sagen." Sie tat mir ziemlich leid. Ich sagte: "Wenn du mich weiter so abfüllst, dann können wir nachher aber nicht mehr fahren." Sie lächelte und zeigte aufs Sofa. "Kann man ausziehen. Es wär schön, wenn ich mal eine Nacht nicht allein wär." Ich nickte. "Also gut, dann pennen wir heute nacht bei dir." Ben fragte, wann wir uns endlich das Motorrad ansehen. Sie gab mir den Schlüssel zu ihrem Keller und beschrieb den Weg dahin. Im Kellergang reihte sich ein Bretterverschlag an den anderen. Manche waren ordentlich aufgeräumt, bei manchen fehlte das Schloss und jedermann hatte hineingeworfen, was er los sein wollte. Mindestens die Hälfte der Glühbirnen in der Flurbeleuchtung war kaputt. Der Keller von Jacks Mutter war einer der hinteren. Er lag fast ganz im Dunklen. Im Schein meines Feuerzeugs entdeckten wir den schwarzen Umriss von Jacks Yammi unter einem Berg von allem möglichen, was über sie drüber geworfen worden war. Ein Teppich, Altkleidersäcke, lose Klamotten. Wir räumten das Zeug auf die Seite. Es standen noch zwei große Holzkisten dabei, die mit Motorradteilen angefüllt waren. Im schwachen Licht identifizierte ich Brems- und Kupplungshebel, einen Tank, Fußrasten aus Aluminium, solche Sachen. Mein Feuerzeug war schon verdammt heiß. Wir schauten uns das Motorrad an. Der Motor fehlte und war auch nicht in einer der Kisten. Wir gingen wieder hoch und ich fragte Jacks Mutter, was aus dem Motor geworden sei. Sie musste lange überlegen. Wahrscheinlich hatte sie weiter getrunken, während wir im Keller waren. Schließlich kam sie darauf, dass ihn vor ein paar Monaten einer von Jacks alten Freunden abgeholt hatte. Ich fragte: "Charlie?" Sie schüttelte den Kopf. Ich nannte noch ein paar andere Namen. Aber es war keiner von denen, die mir in den Sinn kamen. Dann fragte ich sie nach den Papieren. Es war offensichtlich, dass sie keine Ahnung hatte. "Okay", sagte ich, "da kann man nichts machen." Ben war enttäuscht. "Das ist nicht schlimm, das kann man alles besorgen", sagte ich zu ihm, "Jedenfalls ist das, was da unten steht, ein wahrer Schatz." Er meinte, wir hätten doch außer Gerümpel kaum was gesehen. Ich schoss ihm einen Blick zwischen die Augen, der ihm unmissverständlich klar machen sollte, dass er sich hier meiner Linie anzuschließen hatte. Draußen war es schon dunkel. Jacks Mutter war auf unseren Besuch nicht vorbereitet. Wir machten uns zu dritt auf den Weg zum Supermarkt. Sie war nicht mehr gut zu Fuß. Offenbar hatte sie Schmerzen. Sie wollte tiefgefrorene Pizza kaufen. Ich sagte, wir wären sehr enttäuscht, wenn sie uns nicht was ordentliches kochen würde. An ihrem gequälten Lächeln sah ich, dass sie es sich nicht zutraute. Vielleicht war es schon zu lange her, dass sie richtig gekocht hatte, vielleicht war sie aber auch schon zu betrunken. Trotzdem lud ich ein Netz Kartoffeln in den Wagen, stellte mich an der Fleischtheke für Schnitzel an, schickte Ben zum Gemüsestand, einen Lollo bianco holen, wir suchten einen Nachtisch aus der Kühltruhe aus. Wir kauften auch Schnaps und Wein und für Ben zwei Flaschen Bitter-Lemmon. Zurück in ihrer Küche, musste Jacks Mutter sich sofort auf einen Stuhl setzen. Sie atmete schwer, ihr Gesicht war schmerzverzerrt, sie saß nach vorn gebeugt und presste mit der Hand gegen ihre Lende. Sie sagte, das sei die Ostporose, oder wie das heiße. Ich fragte: "Metastasen?" Sie nickte. Ben setzte sich neben sie. Die Küche war sehr übersichtlich. Im Kühlschrank fand ich eine Packung Salami, in der noch eine Scheibe drin war, außerdem vier tiefgefrorene und einzeln in Folie eingeschweißte Frikadellen. Der Mülleimer quoll über von Einweggeschirr aus Aluminiumfolie. Ich suchte neun dicke Kartoffeln heraus und legte sie zusammen mit einem Schälmesser auf den Tisch. Ben schälte die Kartoffeln. Jacks Mutter saß daneben und schaute ihn sehnsüchtig und verliebt an. Wenn sein Glas leer war, schenkte sie ihm sofort aus der Bitter-Lemmon-Flasche nach. Ich wusch den Salat, setzte die Kartoffeln aufs Feuer. Später deckte Ben den Tisch, ich briet die Schnitzel. Ich stellte fest, dass die Flasche Korn leer war. Aber wir hatten ja noch. Jacks Mutter aß so gut wie nichts. Sie schaute Ben beim Essen zu und lächelte ununterbrochen. Ich fragte sie, ob sie nicht gefürchtet hätte, die Polizei auf Jacks Spur zu bringen, als sie ihn besuchte. Sie winkte ab und sagte, sie hätte das ja alles gut vorbereitet. Dadurch, dass ich unter Jacks Namen beim Arzt gewesen wäre, sei schon mal im Frühjahr eine falsche Spur gelegt worden. Kurz vor Ostern habe sie ein großes Paket für ihn aufgegeben, adressiert an seine Ex-Freundin in Butzbach. Wenn sie nach all den Jahren immer noch nach ihm fahndeten, dann hätten sie denken müssen, dass er irgendwo in Deutschland wäre. Im Sommer sei sie dann mit einer Reisegesellschaft nach Faro gefahren. Das war kurz nachdem sie in Rente gegangen war. Jeder hätte denken müssen, dass sie sich nach einem langen Arbeitsleben endlich mal was gönnen wollte. Ich sagte: "Das hättst du viel öfter machen sollen." "Ich bin zunächst auch brav in meinem Hotel geblieben" , fuhr sie fort, "und hab den ganzen Quatsch mitgemacht. Das war ja so eine Rentnerreise mit Animation und so. Hat mich ein Vermögen gekostet. Am dritten Tag hab ich dann Kontakt zu ihm aufgenommen. Ich bin mit dem Bus in ein Dorf gefahren, das er mir angegeben hat und dort hat mich jemand abgeholt. Es war nicht weit. Ich sag dir aber nicht wo. Am Abend hat er mich wieder zurückbringen lassen. Ich war dann noch mal dort, aber geschlafen hab ich immer in meinem Hotel. Da ist niemandem was aufgefallen. Kann ich mir jedenfalls überhaupt nicht vorstellen." Sie blickte mir so plötzlich in die Augen, dass ich erschrak. "Ich hab mir ein Grab gekauft", sagte sie, "Das wollt ich ihm sagen. Dass er weiß, wo er mich findet. Aber ich bin nicht dazu gekommen." Zurück in Wiesbaden machten wir uns auf die Suche nach einem Motor. Wir gaben mehrere Inserate auf und kauften uns eine Gebrauchtwarenzeitschrift. Als sich nach einer Woche nichts getan hatte, riefen wir bei einem jungen Mann an, der seine RD 250 LC verkaufen wollte. Ich sagte, wir bräuchten nur den Motor, den Rahmen hätten wir schon. Der Bursche, der mich am Telfon duzte und selber Sven hieß, sagte: "Das ist eine RD! Da kann man doch nicht den Motor rausreißen!" Aber er brauchte das Geld dringend. Deshalb ließ er sich schließlich überreden. Wir fuhren hin. Man sah sofort, dass viel Liebe in den Bock investiert worden war. Zurückgelegte Fußrasten, M-Lenker, Rennsitz und jede Menge Anbauteile aus Aluguss. Wirklich ein wunderschönes Gerät. Er gab zu, dass er sich immer noch Hoffnungen machte, wir würden sie komplett kaufen. Aber ich blieb hart. Kopfschüttelnd schraubte er den Motor ab. Das war schnell gemacht. Nach ein paar Minuten hing er nur noch am Kabelbaum. Dann fand Sven den Steckverbinder nicht, vielleicht hatte sie auch keinen. Er sagte: "Tut mir leid, aber ich krieg ihn nicht ab." Ich reichte ihm den Seitenschneider aus seinem Werkzeugkasten. "Damit wird es wohl gehen." Er schaute mich an, als hätte er es mit einem Verrückten zu tun. Ich sagte: "Abschneiden." Ben und ich waren bester Stimmung. Wir trugen den Motor ins Wohnzimmer, wo wir eine orangene Gewebeplane auf dem Teppichboden ausgebreitet hatten. Da stand bereits der Rahmen und die beiden Kisten mit den Teilen. Ben hätte am liebsten sofort mit der Schrauberei angefangen. Aber ich meinte, es sei wohl klüger, sich jetzt um die Papiere zu kümmern. Bei der Zulassungsstelle mussten wir die Rahmennummer angeben, damit eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt werden konnte. Am nächsten Tag standen zwei Bullen vor unserer Tür. Sie fragten mich, wann ich Jack zum letzten Mal gesehen hätte und wie ich zu seinem Motorrad käme. Der eine, jüngere, reckte sofort seinen langen Geierhals in die Wohnung und spähte umher. Nachdem er die Werkstattsituation in unserem Wohnzimmer entdeckt hatte, sagte er: "Das können Sie vergessen." Ich fragte, was ich vergessen könnte. "Dass Sie Papiere für den Rahmen kriegen." Was mich wirklich aufregte war, dass ihm dabei die Häme buchstäblich ins Gesicht geschrieben stand. Die Sache wurde sogar noch lästig. Sie nahmen mich zur Vernehmung aufs Revier mit und ich musste mich von einem Kripobeamten nach Jack ausfragen lassen. Er fragte auch nach Jacks Mutter, weil er mitgekriegt hatte, dass sie im letzten Sommer an der Algarve war. Ein ganzer Tag ging mir flöten und das Ergebnis war, dass es tatsächlich keine Möglichkeit gab, Papiere für den Rahmen zu bekommen, weil Jacks gesamter Besitz vorläufig beschlagnahmt war. Ich wusste gar nicht, dass so was geht. Als ich am Abend wieder zu Hause war, kam Ben gerade von seinem Fußballtraining zurück. Er sagte, Jacks Mutter hätte angerufen. Sie hätte ziemlich verwirrt geklungen und irgendwas gesagt, was sich angehört hätte wie, dass wir ihr die Polizei auf den Hals gehetzt hätten. Ich rief sofort zurück. Sie war schwer betrunken. Ich erklärte ihr die Geschichte mit dem Rahmen und den Papieren und dass ich bei meiner Vernehmung kein Sterbenswörtchen über ihr Treffen mit Jack gesagt hätte. Weil ich nicht wusste, wie viel sie in ihrem Zustand noch kapierte, versprach ich, sie am nächsten Tag noch mal anzurufen. Ben war sehr enttäuscht, dass es mit den Papieren nicht klappte und meinte, jetzt könnten wir den ganzen Plunder auf den Schrott schaffen. Ich spendierte ihm und mir eine Portion Chop-Suey in unserem China-Restaurant um die Ecke. Wir aßen mit Stäbchen und ich versprach ihm hoch und heilig, dass wir spätestens im Mai mit der Maschine durch die Gegend zischen. Am nächsten Tag hatte ich zwei schwierige Telefongespräche zu führen. Das erste war das mit Jacks Mutter. Nicht nur bei uns, sondern auch bei ihr waren gestern die Bullen aufgekreuzt. Sie hatten ihr weis gemacht, dass in Wiesbaden einer von Jacks Freunden ausgesagt hätte, sie habe ihren Sohn im Sommer an der Algarve besucht. Sie war aber standhaft geblieben und hatte es abgestritten. Ich fand es einen Wahnsinn, wie sie diese arme Frau in die Mangel nahmen. Es war nicht leicht, ihr Vertrauen zurückzugewinnen. Ich versprach, dass unsere erste Fahrt, wenn wir das Motorrad zum Laufen gekriegt hätten, zu ihr ginge. Anschließend rief ich bei Sven an. Ich sagte, wenn er den Rahmen noch hätte, würden wir ihn jetzt nehmen. Das Geräusch, das er daraufhin von sich gab, ließ erkennen, dass seine Zweifel an meinem Verstand nicht geringer geworden waren. Aber er war bereit, uns den Rahmen inklusive Papiere und einer Kiste Ersatzteile zu verkaufen. Nun standen in unserem Wohnzimmer zwei Motorradrahmen, ein Motor mit durchgeschnittenem Kabelbaum und drei Holzkisten mit Teilen, die irgendwie im Zusammenhang mit einem seinerzeit recht sportlichen Motorrad standen. Im Lauf der nächsten drei Wochen nahmen wir von allem das Beste und Schönste und schraubten daraus die vermutlich weltbeste Yamaha RD 250 LC zusammen. Liegend kam ich auf 175, mit Ben hinten drauf immerhin auf satte 150. Das war nicht schlecht für eine so kleine Maschine. Ich muss aber sagen, dass sie schwer anzutreten war und auf den ersten Kilometern eine imposante blaue Wolke produzierte, dass sie außerdem ordentlich Sprit brauchte und dazu immer noch einen kräftigen Schluck teures Synthetiköl, dass sie erst bei so ungefähr 5000 Umdrehungen und 120 Dezibel munter wurde und also insgesamt ein durchaus unfreundliches Wesen hatte. Aber sie machte uns glücklich. Es war Mai. Wir rüsteten uns zu unserer ersten Fahrt. Ich rief bei Jacks Mutter an, aber erreichte sie nicht. Ich rief jeden Tag an. Sie war nie zu Hause. Ben meinte: "Vielleicht ist sie ja tot. Die hat doch Brustkrebs." Ich weiß nicht warum, aber es war mir enorm wichtig, mein Versprechen einzuhalten und sie noch mal zu besuchen. Ich fing an die Krankenhäuser in und um Hannover abzutelefonieren. Sie lag im Uniklinikum. Sie hatte kein eigenes Telefon, aber an der Pforte war man so freundlich mir die Nummer der Station zu geben. Ich rief dort an und erkundigte mich nach ihrem Gesundheitszustand. Die Schwester sagte, sie könne am Telefon keine Auskünfte geben und fragte, wer ich überhaupt sei. Zuerst wollte ich mich als ihren Sohn ausgeben, aber dann dachte ich, dass ich damit vielleicht wieder die Bullen auf den Plan rufe. Deshalb fragte ich nur, ob man sie besuchen könnte. "Selbstverständlich können Sie das", sagte die Schwester, "aber Sie sollten sich nicht allzu viel davon versprechen." Am Freitag hatte Ben seinen letzten Schultag vor den Pfingstferien und am Samstag fuhren wir los. Es war kein reines Vergnügen mit der leichten Maschine 400 Kilometer Autobahn runterzureisen. Besonders am Berg konnte sie die Dürftigkeit ihres Drehmoments nur unzureichend vertuschen. Die Seitenwindanfälligkeit war enorm. Außerdem erwies sich die Sitzbank, aus der wir ein paar Zentimeter Polster herausgenommen hatten, damit Ben mit den Füßen auf den Boden kam, als unmenschlich hart. Wir machten viele Pausen. Nach sechs Stunden waren wir in Hannover und benötigten eine weitere Stunde, bis wir die Klinik gefunden hatten. Jacks Mutter war bereits seit drei Tagen tot. Im Krankenhaus wussten sie nicht, ob und wo sie beerdigt worden war. Mir fiel ein, dass sie auch mir gegenüber nicht dazu gekommen war, zu sagen, auf welchem Friedhof sie sich ein Grab gekauft hatte. Ich sagte zu Ben, dass wir es herausfinden könnten. Ben fragte: "Haben wir uns jetzt den ganzen Stress gemacht, nur um am Ende ein Grab zu suchen?" Ich dachte, wahrscheinlich gibt es außer uns niemanden mehr, der weiß, dass sie sich eins gekauft hat, wahrscheinlich wird sie jetzt verbrannt und anonym begraben. Ich sagte: "Okay, jetzt suchen wir erst mal einen Zeltplatz. Morgen früh überlegen wir uns, wie es weiter geht." Ben war richtig in Urlaubsstimmung. Wir hatten schon ewig nicht mehr gezeltet. Am Morgen war er vor mir wach, holte freiwillig Wasser und rannte dem Bäckerauto hinterher, um uns ein paar leckere Teile zum Frühstück zu kaufen. Ich war hin- und hergerissen. Sollte ich mich noch weiter um Jacks Mutter kümmern, die ja wahrscheinlich gar nichts mehr davon hatte, oder dafür sorgen, dass Ben zu einem einigermaßen ordentlichen Motorradurlaub kam? Schließlich fuhren wir weiter. Nur eines taten wir noch. Wir gingen in die erste Kirche, an der wir vorbeikamen und zündeten einen Haufen Kerzen an. Dann fuhren wir quer durch Deutschland. Magdeburg, Erfurt, Nürnberg, München, Bodensee, dann über die Alpen, den Schwarzwald, die Vogesen, durchs Saar- und Moseltal nach Koblenz und schließlich am Rhein entlang wieder nach Hause. Die RD lief wir am Schnürchen. In den Bergen pfiff sie natürlich aus dem letzten Loch. Wie bereits erwähnt, hatte sie eine eklatante Drehmomentschwäche. Einmal, als wir unser Zelt in einem Wäldchen neben einem brach liegenden Feld aufgeschlagen hatten, wurden wir von einem ohrenbetäubendem Dröhnen und unheilschwangeren Vibrationen geweckt. Ben riss den Reißverschluss runter. Direkt vor unserem Zelt stand ein Panzer, die Kanone auf unseren Eingang gerichtet. Ein Bundeswehrsoldat kletterte völlig verdattert aus der Luke und ein paar andere rannten aufgeregt herbei. Scheinbar war die Gegend über Nacht zu einem Manövergebiet geworden und man hatte sie zu nachlässig abgesichert. Ich schätze, dass da jemand ernste Probleme gekriegt hat. Im Sommer sind wir noch mal gefahren. Ans Mittelmeer. Auf dem Rückweg lief der Bock nicht mehr richtig. Wir kamen nur mit größter Mühe gegen den Mistral an, der uns ein paar mal fast von den Rädern geholt hätte. Der blaue Rauch aus den Auspuffrohren wurde von Kilometer zu Kilometer dichter. Wir waren froh, als wir ohne nennenswerte Panne, allerdings nur noch mit halber Kraft, zu Hause ankamen. Ich dachte, ich muss die Kolbenringe auswechseln, hatte aber überhaupt keine Lust dazu. Anfang September meldete ich die Maschine ab. Obwohl sie von nun an still und brav im Hof stand, fing sie an zu stören. Unser Vermieter ließ keine Gelegenheit aus, uns darauf hinzuweisen, dass wir keinen Stellplatz gemietet hatten. Zudem versperrte Jacks Rahmen und die vielen Teile, die wir noch hatten, im Keller und in der Wohnung jede Menge Platz. In einem immer wieder vor uns hergeschobenen Kraftakt sortierten wir die brauchbarsten Teile aus und brachten den Rest auf den Schrott. Dann kam der Herbst über uns. Es war, als hätten wir unsere Jahresration an Energie restlos in die RD gesteckt. Jedenfalls bekamen wir nichts mehr auf die Reihe. Ben blieb auf dem Gymnasium immer hoffnungsloser hinter den Anforderungen zurück und tat nicht das Geringste dagegen. Wir waren froh, dass wir eine Realschule fanden, auf die er noch nach den Herbstferien wechseln konnte. Und ich verbohrte mich wochenlang in ein Radiofeature über einen Biobauernhof an der Mosel, bis ich merkte, dass es niemanden interessieren wird, am wenigsten mich selbst. Mein Konto war bis zum Anschlag überzogen. Außerdem hatte ich schon fast ein Jahr lang keine Freundin mehr gehabt. Ich soff viel zu viel. Manchmal saß ich nach zwei Flaschen Wein am Küchentisch und dachte an die Szene, in der Jacks Mutter völlig besoffen am Küchentisch sitzt und lächelnd und mit feuchten Augen Ben beim Kartoffelschälen zusieht. Ende Oktober rief völlig überraschend Jack an. Ob ich wüsste, was mit seiner Mutter los sei. Ich sagte, sie ist tot. Er meinte, das habe er sich fast gedacht. Ich sagte, sie sei im Mai gestorben, aber da war er schon nicht mehr in der Leitung. Eigentlich wäre es logisch gewesen, die Maschine und die Teile zu verkaufen. Aber ich schaffte es einfach nicht, ein Inserat aufzugeben. Man glaubt es hinterher kaum, dass man so schlapp sein kann. Eines Tages hatte ich so die Schnauze voll von dem ganzen Motorradkram, dass ich die RD einfach auf die Straße stellte und ein großes Schild malte: Zu Verschenken. Schlüssel und Papiere beim Besitzer. Dann folgten Name und Adresse. Woche um Woche verging und niemand holte das Zeug. Eines Tages klebte der rote Zettel vom Ordnungsamt auf dem Tank. Da hatte ich endlich mal wieder eine gute Idee. Ich malte ein neues Schild: Zu Verkaufen. 1500 Euro. Schlüssel und Papiere beim Besitzer. Zwei Tage später war sie geklaut. |