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| Hans Gerhard |
Korrekte Heimleitung Neulich mussten wir das Zimmer unserer Mutter abbuchen. Also abbestellen und die Bücher raus aus dem (inbegriffenen) Regal und den ganzen anderen Plunder auch. Ich weiß, dass man darüber keine Witze und so weiter, insbesondere, wenn es die eigene Familie betrifft. Es drängte sich eben auf. Aber keine Sorge, ich habe es für mich behalten, ich hatte genug zu tun mit dem ganzen Krimskrams, der uns aus den Schubladen heraus entgegenquoll, als hätte er nur auf uns gewartet. Meine Schwester murmelte etwas von "mal gucken, wer was behalten möchte", aber wir wussten beide, dass der ganze Schrott auf den Müll wandern würde. Das mussten wir auch nicht irgendwie voreinander eingestehen oder begründen. Am besten einfach Schweigen und Machen, dachte ich, und ich sah sie nur an und stopfte ein noch nicht mal verstaubtes Fotoalbum in den Umzugskarton. Als sollte es noch irgendwohin außer in einen Kofferraum und dann scheißegal. Eine verwirrte Frau stand wimmernd auf dem Gang, wahrscheinlich auf Anweisung der Heimleitung. Sie sei ja so beliebt gewesen, hatte in dem Brief gestanden, der natürlich eine Vorlage aus dem Rechner war, aber das war wohl auch okay, das würde ich ja genauso machen. Merkwürdig nur, dass es mir vollkommen egal war, ob sie beliebt gewesen war oder nicht, war es ja auch, wir sind bei manchen beliebt und bei manchen nicht, das war bei unserer Mutter sicher nicht anders. Wenn wir mal da gewesen waren, hatten wir nie danach gefragt, obwohl, bestimmt hatten wir gefragt, so was fragt man ja, aber ich zumindest hatte wohl nicht genau auf die Antwort geachtet. Heimbesuche sind immer wie Auslandsaufenthalte, Dienstreisen, man spricht die Sprache nicht und kennt die Regeln nicht, man macht vielleicht ein paar Fotos, aber im Grunde will man nur wieder nach Hause. Ganz gut, der Vergleich, ist aber nicht von mir, ist von der Frau an der Rezeption, aber die hatte das noch nicht mal kritisch gemeint, sondern hatte danach was erzählt von wegen dass das bei ihnen im Hause anders wäre, daher auch das Rahmenprogramm, die kulturellen Veranstaltungen und alles, und die Balkons oder was weiß ich. Der Park, keine Ahnung. Alles auch für die Besucher. Anregungen in den Kasten neben der Rezeption. Meine Schwester hatte tatsächlich mal was reingeworfen, da hatte sie draufgeschrieben, sie fände es schade, dass hier nur alte Leute wohnen würden. Ich hatte gelacht. Unterschrieben hat sie nicht. Alles für die Besucher. Genauso natürlich die Heimzeitung, die uns immer zugeschickt wurde. Meine Schwester nannte sie immer die Prawda, das war lustig. Ich musste sie in den ungeraden Monaten lesen, und meine Schwester in den geraden. Meine große Hoffnung war, mal eine Ausgabe zu erwischen, die es schon mal gegeben hatte, aber das kam nie vor, weil ja immer auch neue Leute einzogen und wegzogen. Natürlich zogen sie nicht weg, sondern starben, aber da stand niemals "verstorben" oder so, da stand allen Ernstes "verzogen". Dass die Leute sich nicht schämen. Aber, okay, ich würde es wahrscheinlich auch so machen. Wer lebt und liest, findet das nicht so schlimm. Alles andere wäre noch blöder. Diese riesige Schrift war auch geil, leider nicht Sütterlin, so alt waren die meisten ja nun auch wieder nicht. Die Artikel waren von den alten Leuten selber gewesen. Auch unsere Mutter hatte wohl mal was geschrieben, noch dazu auch über uns, was wir so machen und so, entsetzlich peinlich, ich hatte gehofft, dass das keiner jemals gelesen hatte, und sicher war das auch der Fall gewesen, oder aber die anderen alten Leute hatten es schon wieder vergessen. Besser so. Die letzte Ausgabe lag tatsächlich noch auf dem Regal, ich seufzte und warf sie in den Papierkorb. "Dieses Foto hier von dir ist eigentlich ganz gut", sagte meine Schwester. Sie hielt einen dieser Kaufhausrahmen in der Hand, wo man am besten das Bild drinlässt, was sie immer dahinter klemmen, von irgendwelchen Frauen, die auf Schaukeln sitzen oder was, und da war dann halt ein Foto von mir drin. "Ganz gut?" "Ja, man kann dich gar nicht erkennen", sagte meine Schwester. Wir grinsten. Total unscharfe Liebe, dachte ich, kann man vielleicht ein Gedicht draus machen, für die Heimzeitung, als Abschied, wenn's ihnen nicht zu ehrlich ist, normalerweise haben die's ja mehr mit Blumen und Landschaften, manchmal auch mit dem Krieg. "Unscharfe Liebe", sagte ich trotzdem, weil es eigentlich ganz treffend war, und meine Schwester lächelte, aber ich sah, wie sie schluckte. Treffend halt. Gut, dass ich direkt beide Kartons mitgenommen hatte, die großen, ich hatte mit mehr Büchern gerechnet, irgendwie, und mit weniger Kleinzeugs. Es war totenstill im Zimmer, diese Beobachtung äußerte ich wiederum nicht, viel zu platt. Trotzdem unangenehm, diese Ruhe, meine Schwester in ihren unchicen Klamotten, die auch mal dreckig werden konnten, neben mir, die Haare zu einem merkwürdig fremden Zopf verdreht, eine hässliche Porzellanfigur in der Hand, ratlos auf ein paar Topfpflanzen starrend. "Die schmeißen sie ja wohl selber weg", sagte ich, weil mir nichts besseres einfiel. Meine Schwester nickte. Sie legte die Figur in den zweiten Karton, dann berührte sie sachte die grünen Blätter, die gelben, fleischigen Blüten und sah hinunter in den Garten. "Kein Mensch da draußen", murmelte sie. "Ausgangssperre", sagte ich, "oder Abendessen, ey, guck mal, dein Zauberwürfel." Den hatte ich in einer Kiste entdeckt, ganz hinten in der untersten Schublade in der Kommode, während ich davorkauerte und in dem ganzen Dreck rumwühlte. Alle Farben getrennt. "Hattest du eigentlich die Lösung?" fragte ich. Sie schüttelte den Kopf. "Ich hab die Dinger rausgebrochen und neu sortiert, wenn's mir zu blöd wurde", sagte sie. Klar. Haben wir schließlich alle so gemacht. Ich musste lächeln. Sah meine kleine Schwester vor mir, damals hatte sie die Haare kurz, mit diesem bescheuerten Ding in der Hand, auf dem Teppich liegen. Ich warf den Würfel und den Kasten in den Karton. "Wenn wir jetzt anfangen, jedes Teil zu diskutieren, dann sitzen wir morgen früh noch hier, und dann können sie uns auch gleich dabehalten", sagte ich. Meine Schwester bückte sich nach einer Terrcottakatze auf dem Boden und sagte "Du hast doch mit dem Würfel angefangen." Stimmte ja auch. Ich richtete mich auf und ging einen Schritt auf sie zu, weil ich glaubte, dass ihre Schultern zitterten. Ich war schon dicht hinter ihr, aber da stand sie plötzlich auf, warf die Katze in den Karton und ging zum Kleiderschrank, an mir vorbei. Ich sagte "Putzen müssen wir nicht, das machen die…" und ich vermied es, hinzuzufügen "zum letzten Mal auf unsere Kosten." Einzüge erfolgen immer zum Monatsersten, Auszüge unabhängig vom Kalender. Den letzten angebrochenen Monat muss man nicht voll bezahlen, der Rest wird erstattet. Abrechnung pro Tag, richtig so. Mutter war zur Monatsmitte gestorben, aber, wie gesagt, am Anfang wäre auch kein Problem gewesen. Mein Internat hatte immer pro Monat abgerechnet, nachdem ich geflogen war, gab's nichts zurück. Allgemeine Geschäftsbedingungen. "Meinst du, hier liegt noch irgendwo der Brief, wo drinsteht, dass sie mich rausgeschmissen haben?" Meine Schwester antwortete nicht. Sie hatte ja Recht. Als ich aus der offenen Tür sah, war die wimmernde alte Frau immer noch am Machen, faselte wohl auch irgendwas, ich konnte sie nicht verstehen, aber wenn ich mich jetzt um sie kümmern würde, dann würde das hier ausarten. Ich wandte meinen Blick ab und leerte die letzte Schublade der Kommode, rein in den Karton, das Regal war schon leer. Fernseher war schon draußen, Radio hatte sie nicht gehabt, dann noch das Badezimmer. Der Kleiderschrank. Ach ja, der Nachttisch. Aber das war's dann auch schon. Das Ganze hatte tatsächlich keine Viertelstunde gedauert. Dann noch zur Deponie, und gut. Private Möbel haben wir eigentlich nicht so gerne hier. Absolut in Ordnung, die wussten schon, warum. Gab nur Stress. Also weiter. Das Badezimmer war schnell gemacht, wieder nur Kleinzeugs. Sie hatten ja gegen Ende sowieso alles für sie gemacht, die ganze Körperpflege. Vor der Badewanne ging ich in die Falle, ich sah unsere Mutter, nackt, gebadet werdend, von Zivis oder was. Ich schloss die Augen. Noch nicht mal eklig, dachte ich. Ein bisschen traurig. Wie sie uns beide immer gebadet hatte, fiel mir ein. Wir hatten oft gelacht. Manchmal gestritten. Ich tippte mit meinem Zeigefinger auf das kalte Email. War das Handtuch unseres oder vom Heim? Ich ließ es auf der Stange hängen. Würde schon keiner meckern. Die Deckchen vom Tisch noch. Hier war aber alles soweit fertig. Auch der Kleiderschrank, als ich wieder zurückkam. "Willst du dir nicht noch was aussuchen?" fragte ich. Meine Schwester antwortete nicht. Sie stopfte alles in den Karton, Unterwäsche, Blusen, Röcke. Sogar einen Mantel. Was man nicht so alles noch hat, obwohl man es nicht mehr braucht. "Sollen wir das irgendwo spenden, oder was?" fragte ich. "Das kannst du nur noch wegschmeißen", sagte meine Schwester. Sicher hatte sie Recht. Ich räumte den Nachttisch aus. Gelesen hatte sie bis zuletzt, das hatte auch in dem Vordruckbrief gestanden, stimmte wohl immer, sonst legten sie halt schnell noch was hin, in diesem Fall einen Krimi. Warum auch nicht. Hatte unsere Mutter früher Krimis gelesen? Möglich. Bestimmt. Aber ich wollte nicht an unsere Mutter denken, wie sie Krimis las. Am besten sollte sie irgendwo sitzen, aber nicht lesen. Da sein. Das wäre schön. Jetzt musste ich mir doch die Augen reiben, und ich steckte mir eine Zigarette zwischen die Lippen, für gleich, unten, vorm Auto. Soweit alles fertig. Ich hielt meiner Schwester die Packung entgegen, sie wollte bestimmt auch eine. Aber sie sah an mir vorbei, und sie räusperte sich. Ich drehte mich um, und da stand die wimmernde alte Dame aus dem Gang. "Wo bringen sie meine ganzen Sachen denn hin?" fragte sie. "Dürfen sie das denn?" Ich seufzte. Ferien im Alzheimer-Camp. Erbrecht war jetzt sicher das falsche Stichwort. Meine Schwester rettete die Situation. Sie nahm sich eine Zigarette und steckte sie ebenfalls in den Mund, für gleich, unten am Auto. Dann griff sie sich den ersten Karton und sagte "Das ist schon in Ordnung so" und wandte sich zum Gehen. Ich tat es ihr gleich, mit dem zweiten Karton, und sagte noch "Machen sie sich mal keine Sorgen." Was man eben so sagt. Dann schlappten wir los. Immer noch mit Zigarette im Mund, meine Schwester auch. Wir können beide ganz gut mit Kippe im Mund reden. Die alte Dame wimmerte immer noch, als wir den Gang entlang marschierten. Wenn ihre eigenen Kinder kommen, zum Ausräumen, dann würde sie es vielleicht in Ordnung finden, aber dann würde sie ja auch schon tot sein. Keine Sorge, das sagte ich natürlich erst unten am Auto. |