Hans Gerhard Der arme Herr Sähme schreibt aus der Nähe von Gifhorn

20. August

Sehr geehrte Frau Fürst, sehr geehrter Herr Fürst,
seien Sie aus der Landpension Hof Güthe zu Groß-Denkte, aus der Sie diese Zeilen erreichen, ganz herzlich gegrüßt. Ich habe das gutbürgerliche Etablissement als Basislager, wenn Sie so wollen, meiner kleinen Expedition gewählt, weil es inmitten der in dieser Jahreszeit übrigens in voller Blüte stehenden Gifhorner Heide zentral gelegen ist, und weil, ich gestehe es freimütig, es meinen seit meiner Arbeitsunfähigkeit leider bescheidener gewordenen finanziellen Mitteln eher entspricht als ein "Sternehotel". Zu einem Spaziergang durch den idyllischen Ort selbst hatte ich leider noch keine Zeit. Meine Anreise war strapaziöser als gedacht, diverse Bahnverspätungen warfen mich in meinem Zeitplan unbarmherzig zurück, so dass ich unter anderem gezwungen war, ab dem Gifhorner Hauptbahnhof (der Name täuscht leider) bis hierher ein Taxi zu nehmen, da der letzte Bus bereits am frühen Nachmittag abgefahren war und natürlich nicht auf mich warten konnte. Leider wurde mir außerdem versichert, dass es für mich keine Möglichkeiten gäbe, die beträchtlichen Kosten ersetzt zu bekommen, was meine Laune, wie Sie verstehen werden, nicht gerade verbesserte. Schließlich war das von mir vorbestellte Zimmer bereits anderweitig vermietet (gut, es war der Familie Güthe natürlich nicht zuzumuten, bis zum frühen Abend meiner Ankunft zu harren und ihren Geschäftsbetrieb quasi stillstehen zu lassen), weshalb ich -vorläufig- nicht im Haupthaus des Hofes, sondern in einem Nebengebäude, einem ehemaligen Unterstand für landwirtschaftliches Gerät, residiere, der zurzeit in ein zweites Wohnhaus umgebaut wird. Machen Sie sich jedoch bitte um Himmels Willen keine Sorgen, Wände und Türen sind bereits vorhanden, nur zum Duschen bin ich wenigstens für die nächsten zwei Nächte auf einen morgendlichen Gang ins Haupthaus verwiesen. Wie dem auch immer sei, nun, da ich angekommen bin, wird mich nichts mehr davon abbringen, (mindestens) drei Flaschen des edlen Tropfens, der mich letztlich hierher geführt hat, aufzutreiben und zurück ins heimatliche Nürnberg zu verbringen, und ich freue mich bereits sehr darauf, liebe Familie Fürst, Ihnen demnächst ein Glas anbieten zu können, vielleicht auf Ihrer herrlichen Terrasse? Mein Plan sieht vor, zunächst in diversen, noch zu ermittelnden, lokalen Wirtshäusern unverfänglich einzukehren, und im Gespräch mit einigen Ortsansässigen allmählich herauszufinden, welche Bauern der Umgebung noch nach alten Rezepten -womöglich schwarz? Das wäre ein echtes Abenteuer !- jenen typischen Holunderschnaps brennen, der seit nunmehr siebzehn Jahren nicht mehr im Handel erhältlich ist, der mir aber, wie ich Ihnen berichtete, vor etwa zwanzig Jahren während meiner Studienzeit in Hannover begegnete und seitdem unvergesslich ist. Erinnern Sie sich noch, lieber Herr Fürst, dass Sie bei unserem letzten Zusammentreffen vor meiner Reise, am letzten Dienstag, zu mir sagten: Und wagen sie es nicht, Herr Sähme, ohne eine Flasche von diesem Wunderwasser zurückzukommen? Nun, seien Sie unbesorgt: schon bald werde ich fündig geworden sein. In der Hoffnung, dass Sie die schönen Tage dieses Sommers genauso genießen wie ich, verbleibe ich wie immer mit den allerbesten Wünsche auch für Ihre Kinder
Ihr
Friedemann Sähme

31. August

Sehr geehrte Frau Fürst, sehr geehrter Herr Fürst,
bitte gestatten Sie mir, Sie wiederum aus dem sommerlichen Niedersachsen recht herzlich zu grüßen und Ihnen in aller Kürze den Stand der Dinge hinsichtlich meiner Mission, wenn Sie mir die Anmaßung erlauben, zu schildern, denn, es gibt, und ich hoffe, mich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, -endlich- gute Nachrichten. Ja, tatsächlich hat es den Anschein, dass meine langen, zum Teil Kräfte zehrenden Wanderungen durch die Orte der Umgebung endlich einem Erfolg zustrebten, aber alles der Reihe nach. Zunächst nämlich musste ich mit einer gewissen Enttäuschung registrieren, dass sich die Kontaktaufnahme mit den Einheimischen durchaus problematisch gestaltete. In vielen Gaststätten, die ich in den Dörfern der Umgebung aufsuchte, kam ich überhaupt nicht mit den anderen Gästen ins Gespräch. Es ist wohl ein eigenbrötlerischer Menschenschlag hier im tiefen Niedersachsen, gegenüber dem Fremden zunächst misstrauisch. Oft saß ich abendelang allein an wuchtigen Holztheken, vor der Tageszeitung und einem HärkePilsener, an das ich mich zuerst nur schwer gewöhnen konnte, während um mich herum zumeist ältere Männer in kleinen Grüppchen an den Tischen saßen, wenig sprechend, zumeist eher trübselig auf ihre Gläser oder aus dem Fenster in die Dämmerung blickend. Eines Abends, ich muss gestehen, ich hatte bereits zwei Biere genossen, statt nur eines (wie Sie wissen erlaubt mein Gesundheitszustand nicht mehr die Ausschweifungen der Jugend) versuchte ich schüchtern, mich an einem Gespräch zwischen anderen Gästen zu beteiligen, ich hatte aus meiner Position aus einige Diskursbrocken aufgeschnappt, es ging wohl um die große Zahl zumeist russischer Spätaussiedler in und um Gifhorn herum, deren Anwesenheit in Übergangslagern die angestammte Bevölkerung wohl als Irritation empfinden mag, ein Phänomen, das wir ja bereits seit der Völkerwanderung kennen, wie ich in aller Bescheidenheit auch anmerkte, ohne meinen Platz zu verlassen, über die Grenzen der Tische hinweg, was aber auf nicht uneingeschränkt fruchtbaren Boden fiel, vielleicht war der Zeitpunkt für den großen historischen Kontext der Problematik einfach noch nicht gekommen. Tatsächlich geriet die Diskussion etwas ins Stocken, die drei Herren, die ich angesprochen hatte, murmelten etwas untereinander, dass ich nicht verstand, und als ich mich erhob, mein zweites Glas etwas unsicher in der Hand haltend, merkte ich bereits, dass der Augenblick meiner eigentlich nicht unhöflich gemeinten Einmischung wohl ungünstig gewählt war. Nicht, dass die drei Herren, zwei in meinem Alter, einer wohl etwas jünger, mir mit Worten zu verstehen gegeben hätten, dass sie auf meine Ansichten, was die Spätaussiedler betraf, keinen Wert legten, aber sie schienen mir gar nicht richtig zuzuhören, als ich auf Theoderich und Etzel zu sprechen kam, das Grab in Ravenna, fern der Heimat und doch nicht, und bald erklärte einer der drei, dass es nun wohl Zeit sei zu gehen, und er und seine Begleiter zahlten und gingen, ohne, dass wir uns auch nur vorgestellt hätten. Nun, sehr geehrte Frau Fürst, sehr geehrter Herr Fürst, diese Anekdote, mit der ich Sie hoffentlich nicht gelangweilt habe, mag Ihnen illustrieren, dass ich durchaus mit einigen Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen hatte. Gleichwohl, wie ich bereits anfangs angekündigt habe, ist es mir mit Hilfe einer gewissen Beharrlichkeit inzwischen gelungen, Fortschritte zu erzielen. Denn heute Nachmittag, als ich von wieder einmal vergeblichen Versuchen, in Groß Denkte und einigen umliegenden Ortschaften Holunderpflanzungen aufzuspüren, sei es in der freien Natur oder in den Gärten der zahlreichen noch bewirtschafteten Höfe, in meine bescheidene Bleibe zurückgekehrt war (leider noch im Unterstand, da das Haupthaus noch immer voll belegt ist, aber machen Sie sich bitte keine Sorgen, zwar werden sich die Bauarbeiten noch um etwa vier Tage verzögern, aber dafür stört mich im Moment auch kein Lärm), da traf ich auf die treffliche Frau Güthe beim Bewässern der Blumen des Vorgartens und ich begann, sie -ich versichere Ihnen, vollkommen ohne Hintergedanken- in ein Gespräch zu verwickeln, einfach, um mal wieder eine menschliche Stimme zu hören. Frau Güthe ließ sich, wie ich den Eindruck hatte, zunächst nur ungern bei ihrer Beschäftigung stören, vielleicht, weil sie fürchtete, von mir nach dem Stand der Umbauarbeiten an meiner Bleibe befragt zu werden (wie gesagt, es verzögert sich alles), aber als ich ihr lediglich mein Leid klagte, will sagen, über den enttäuschenden Stand meiner Nachforschungen referierte, da versuchte sie, die gute Seele, mich zu trösten und wusste zu meiner Überraschung zu berichten, dass ihr Sohn Markus, der gerade seinen Grundwehrdienst bei einer Einheit sog. Feldjäger absolviere, neulich in wohl übermäßiger Weise mit Holunderschnaps in Berührung gekommen sei, und zwar anlässlich seines Aufenthalts auf einem nahegelegenen Truppenübungsplatz, in dem dortigen "Mannschaftsheim". Da endlich, liebe Frau Fürst, lieber Herr Fürst, dämmerte es mir. Ich hatte all die Zeit an der falschen Stelle gesucht! Aber natürlich- wo sollte der Holunder besser reifen, als auf einem von Landwirtschaft weitestgehend unberührtem Gelände, von den meisten Menschen unbeachtet? Es ist kein Geheimnis, dass Truppenübungsplätze trotz der militärischen Nutzung letzte Refugien der Natur darstellen, mit einer überraschenden Vielfalt an Flora und Fauna. Was also läge näher als die Vermutung, dass die Betreiber eines dortigen Mannschaftsheimes mitunter durch die Heide streifen, um verschiedene, im Überfluss heranreifende Beeren zu pflücken und daraus einen Schnaps zu destillieren, von dem sie ihren jungen Gästen zu fortgeschrittener Stunde sicher auch anbieten werden? Jetzt, liebe Familie Fürst, da ich auf diese heiße Spur gestoßen bin, wird mich nichts mehr aufhalten. Gleich morgen in aller Frühe wird mich ein Überlandbus in das beschauliche Soltau transportieren, von wo aus ich auf Schusters Rappen via Fallingbostel auf den Truppenübungsplatz vorstoßen werde. Dort, dessen bin ich sicher, wird meine Reise endlich ihren krönenden Abschluss finden. In der festen Gewissheit, schon bald erfolgreich mit mehreren Flaschen des besten Holunderschnapses der Welt -ich übertreibe nicht, glauben Sie mir-, zurückzukehren, und Ihre, sehr verehrter Herr Fürst, eindringliche Bitte zu erfüllen, verbleibe ich, wie immer mit den besten Wünschen, Ihr
Friedemann Sähme
P.S.: Ich weiß, dass Ihre Zeit nur knapp bemessen ist und will mich um Himmelswillen nicht aufdrängen, aber über eine kurze Antwort von Ihnen würde ich mich sehr freuen, gerne auch auf einer Postkarte. Die Adresse finden Sie anbei auf einer Visitenkarte meiner Gastgeber.
Sähme

September

Sehr geehrte Frau Fürst, sehr geehrter Herr Fürst,
leider diesmal -noch- keine guten Nachrichten aus Niedersachsen. Meine Expedition auf den Truppenübungsplatz Bergen-Hohne hat sich als Fehlschlag herausgestellt, jedoch zumindest in der Folge auch sein Gutes gehabt, aber, Sie verzeihen meine Erregung, alles der Reihe nach. Vor drei Tagen also, wie ich Ihnen bereits avisiert hatte, erhob ich mich noch vor der Morgensonne und begab mich nach einer einfachen Toilette -immer noch im Haupthaus, leider- zum Busbahnhof zu Gifhorn (ich hatte also bereits einige Kilometer Frühmarsch), wo ich glücklich das Gefährt nach Soltau erreichte. Nach einer kleinen Stärkung in der dortigen Bahnhofsgaststätte (ich saß allein mit der Bedienung, offenbar eine Spätaussiedlerin, so dass eine Unterhaltung nicht möglich war), brach ich kurz vor Mittag nach Fallingbostel auf, über verschlafene Landstraßen, vorbei an Feldern und gelegentlich winzigen Weilern. Die hiesige Landschaft ist, sobald man die unberührte Heide verlässt, nachgerade trübselig, den menschlichen Bedürfnissen nahezu vollständig untergeordnet, aber ich ließ mich nicht deprimieren oder entmutigen, sondern marschierte munter fürbaß, wobei mir mein getreuer Wanderstock treffliche Dienste leistete. Auch die unerbittlich steigenden Temperaturen vermochten mir nichts anzuhaben, ich war nur leicht bekleidet und hatte überdies eine kleine Feldflasche mit Wasser befüllt. Nun, langer Rede kurzer Sinn, schon bald hinter Fallingbostel eröffnete sich mir die Zufahrtsstraße zum Truppenübungsplatz Bergen-Hohne. Die zahlreichen Hinweisschilder konnten mich trotz ihres martialischen Inhalts (Lebensgefahr!) nicht abschrecken, hatte ich mir doch vorgenommen, mich erstens von nichts und niemandem von meinem Ziel fernhalten zu lassen und zweitens, nicht von befestigten Wegen abzuweichen und so das Mannschaftsheim zu erreichen, dessen Lage mir zwar nicht ganz klar war, aber ich war zuversichtlich, mich durchfragen zu können, denn welchem Soldaten würde dieser Ort unbekannt sein? Von Kontrollen blieb ich unbehelligt, tatsächlich gab es gar keine Wachposten, wie der Laie es sich vorstellen mag, das Militärgelände geht sozusagen nahtlos (bis auf die Hinweisschilder) in den zivilen Landschaftsbereich über. Leider musste ich schon sehr bald feststellen, dass es gar nicht so einfach war, einen oder mehrere Soldaten in ein Gespräch zu verwickeln, wie es meine Absicht gewesen war. Zwar wurde ich wohl gelegentlich von Lastwagen, auch Panzern überholt, als ich auf der breiten Hauptstraße zwischen hohem Kiefernwald einher marschierte, doch auf mein Winken wurde nicht reagiert, und von Fußvolk war weit und breit nichts zu sehen, vielleicht gehört diese Truppengattung inzwischen der Vergangenheit an. Da ich so -wieder einmal- auf mich selbst und meinen Instinkt angewiesen war, lief ich einfach weiter auf dem Asphalt, Kilometer um Kilometer, bis mir klar wurde, dass dies zwar die Hauptstraße sein musste, selbige aber letztlich nur einen Bogen um das eigentliche Übungsgelände beschrieb und dass die Versorgungseinrichtungen einschließlich meines Zieles jenseits der Kiefernwälder zu meiner Linken sich befinden mussten. So entschloss ich mich, nach einigem Zögern, aufs Geratewohl einer etwa fünfzig Meter breiten Schneise durch das Gehölz zu folgen, die sich einen langen, zunächst sanften Anstieg hinan warf, wobei ich mich allerdings nicht, wie Sie sich denken können, auf dem gelben, merkwürdig bewuchsfreien Sande selber, sondern ganz am Rande, ganz an der Baumgrenze bewegte, um dort etwas leichteren Tritt zu erlangen. So arbeitete ich mich sicher eine Stunde oder mehr durch den Wald, in dem festen Wissen, dass diese Strecke, offensichtlich von Menschenhand angelegt, irgendwohin führen musste, wo man mir weiterhelfen konnte. Doch wie erstaunt war ich, als sich nach mehreren Kilometern, als Wald und Schneise urplötzlich endeten, keine Ansiedlung oder auch nur provisorisches Feldlager zeigten, sondern eine offene Heidelandschaft, wie sie nur diese Gegend, und auch nur abseits der gewöhnlichen Tourismusgebiete zu bieten vermag. Unter der sich allmählich senkenden blutroten Sonne (ich muss auf meinem Marsch mein Zeitgefühl komplett eingebüßt haben) schmiegte sich die in der Dämmerung rostfarbene Erika samten an die kleinen Hänge eines Hochplateaus und umspülte mehrere Baumgruppen, auch einzelne Birken, die ihr frisches, helles Grün zu dem wunderbaren Gemälde, diesem unvergleichlichen Panorama beisteuerten. Ich übertreibe nicht, wenn ich Ihnen mit immer noch zitternden Fingern berichte, dass sogar eine Gruppe Rehe am Fuße der Senke stand und äste oder den scheuen Blick gen Himmel richtete, keine einhundert Meter von mir, dem Staunenden, entfernt. Und dort drüben, am Waldesrand, nur wenige Schritte nach links hinüber, grüßte mich ein prächtiger Holunder mit einladend wippenden Zweigen, seine kleinen, reifen, fast schwarzen Beeren freigiebig Mensch und Tier gleichermaßen anbietend. Freudetrunken schwebte ich durch den nun etwas frischeren Abendwind dem übermannshohen Strauche entgegen, ich kostete die Früchte und fühlte mich meiner Bestimmung so nahe wie nie. Ich wollte nur ein paar Minuten rasten, mein Paradies im Blick, im Schatten des lieben Strauches, aber als ich erwachte, war es bereits stockdunkel, und es regnete in Strömen. Von mir zunächst unbemerkt, war ein veritabler Sommersturm über die Gegend um Fallingbostel hereingebrochen und traf mich nun mit aller Macht, tatsächlich hatte mich weniger der Regen als plötzlicher Donner aufgeschreckt. Verwirrt sah ich mich um, aber der Weg, die Schneise, war nicht mehr auszumachen, und ich bekam es, wie Sie sich wohl vorstellen werden, gehörig mit der Angst zu tun. Starke Kopfschmerzen plagten mich, eine Rückkehr schien unmöglich, schon bald war ich nass bis auf die Haut. Doch just in diesem Moment der vollkommenen Ratlosigkeit vernahm ich aus der Ferne laute Motorengeräusche, die näherzukommen schienen. Durch das nasse Heidekraut und den Schlamm, in den sich der helle Sand inzwischen verwandelt hatte, versuchte ich, mir mehr schlecht als recht einen Weg in die mir unverhofft verheißene Richtung zu bahnen, allein, bei Dunkelheit sind auch laute Geräusche oft nur schwer zu verorten, so dass ich gar nicht wusste, ob ich mich nicht sogar von ihnen entfernte, auch stolperte ich mehrfach, fiel aber auf dem durchtränkten Untergrunde weich, so dass mir außer kleineren Blessuren nichts geschah, seien Sie unbesorgt. Es war ein glückliches Geschick, dass ich mich gerade wieder einmal mühsam aufgerappelt hatte, als mich die Scheinwerfer erfassten, denn, so wurde mir später berichtet, der Kampfpanzer Leopard 2 hat doch einen beträchtlichen Bremsweg, und überdies sollten wohl nur wenige Momente später die konventionellen Lichtquellen zugunsten eines neuartigen Infrarotnachsichtgerätes ausgeschaltet werden, und wer weiß, ob ich dann noch rechtzeitig erkannt worden wäre. Aber, Sie sehen, meinem kleinen Abenteuer war ein glückliches Ende beschieden, laut Auskunft der Soldaten verfehlte mich das Geschützrohr des Panzers um einen guten Meter. Die Soldaten verbrachten mich in einem Geländewagen nach ihrem Stützpunkt, genauer gesagt, in das Lazarett, wo ich nach einer Untersuchung die Nacht verbrachte und am nächsten Morgen sogar neu eingekleidet wurde, mit einer alten Uniform, da sonst nichts vorhanden war, und meine Kleidung war durch Regen, Schlamm und Dornen ganz und gar unbrauchbar geworden. Auch meines treuen Wanderstocks war ich leider verlustig gegangen. All das und die ärztliche Diagnose (dazu später mehr) trug natürlich nicht gerade zu meiner Erheiterung bei, und meine Enttäuschung wuchs ins Unermessliche, als ich feststellen musste, dass sich meine Wirtin, die gute Frau Güthe, wohl geirrt haben musste: nachdem ich das Mannschaftsheim mit Billigung der mich begleitenden Soldaten (ich galt offiziell immer noch als festgenommen, aber der Kommandeur, eigentlich ein sehr freundlicher Herr, teilte mir mit, dass es wohl bei einer Geldstrafe bleiben werde) betreten hatte, wurde mir knapp beschieden, dass dort kein Holunderschnaps ausgeschenkt werde und dass das Lieblingsgetränk der Soldaten ein Likör sei, auf dessen Ursprungsfrucht sein Name "Kleiner Feigling" wortspielerisch verweist -die Feige. Eine Verwechslung! Sie können sich meine Enttäuschung ausmalen, liebe Familie Fürst! All die Strapazen umsonst, und ich muss mich noch glücklich schätzen, nicht für einen Spion gehalten worden zu sein (mein Wissen um die Spätaussiedler behielt ich bei der Unterhaltung wohlweislich für mich). Ich war, alles in allem, sehr geknickt, als ich in meinen Uniformteilen, genauer gesagt, Hemd, Hose und Stiefel, von den wenigen Passanten nicht schlecht bestaunt, nach Groß Denkte und auf den Hof Güthe zurückkehrte. Aber, wie ich bereits am Anfang angedeutet habe, alles hat sein Gutes im Leben. Denn aufgrund meines missglückten Abstechers nach Bergen-Hohne musste ich gestern auf Anweisung des Militärarztes einen Internisten in Gifhorn aufsuchen, übrigens kein Grund zur Besorgnis, lediglich ganz leichte Herzrhythmusstörungen, die mit Medikamenten beherrscht werden können, und im Wartezimmer machte ich ganz unerwarteter Weise die Bekanntschaft einer Mitpatientin, einer Frau Liebherr. Frau Liebherr ist eine ältere Dame, etwa in meinem Alter, von sehr gewinnendem Wesen, aber das Wichtigste, liebe Familie Fürst, ist: sie stammt aus Lagesbüttel. Nun mag Ihnen das als nichts besonderes erscheinen, aber lassen Sie mich ausführen, dass in Lagesbüttel, einem kleinen Dorf im hiesigen Umland, wie Frau Liebherr erzählte, ganz exquisiter Spargel angebaut wird. Auch dies bedeutet für sich genommen noch nichts, aber mir, während ich meiner Behandlung, beziehungsweise Untersuchung harrte, war sofort eines klar: Spargelernte in Niedersachsen, das bedeutet Knochenarbeit im lehmigen Boden, das bedeutet die gesamte Dorfgemeinschaft auf den Knien, mit dem Stecheisen bewaffnet, von Morgens früh bis Abends spät das weiße Gold mühsam der Börde entringend...und wie anders sollten diese wackeren Männer und Frauen des Abends ihren Ernteerfolg feiernd, als mit Holunderschnaps? Aus eigenem, womöglich illegalem Anbau? Ich habe mich während meines Aufenthaltes, der nun doch schon einige Zeit währt und sicher noch andauern wird, mit der Mentalität der Hiesigen vertraut gemacht, und glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede. Zwar wollte Frau Liebherr, als ich ihr meine Erkenntnis auf den Kopf zusagte, mir nicht recht folgen, aber ich lasse mir die süßen Geheimnisse dieser Region nicht länger durch beharrliches Schweigen vorenthalten, das habe ich Frau Liebherr auch mitgeteilt, wenn auch in etwas weniger direkten Worten, aber ich glaube, sie hat mich verstanden, denn sie senkte den Blick, was für mich wiederum nur Bestätigung war. Jedenfalls breche ich noch zur Stunde nach Lagesbüttel auf, um einen ersten Eindruck von meinem neuen Einsatzgebiet zu verschaffen, und dann werde ich meine Kreise immer enger ziehen, und wenn es tatsächlich bis zur Spargelernte im nächsten Frühjahr dauern sollte. Sehr geehrte Frau Fürst, sehr geehrter Herr Fürst, ich versichere Ihnen, dass ich auch fürderhin genauestens Bericht erstatten werde, darf Sie aber aus Sicherheitsgründen bitten, Ihre Antwort, sollten Sie in den nächsten Monaten die Zeit finden, postlagernd nach Gifhorn zu senden, da ich meine Zelte bei Güthes abzubrechen gedenke und noch kein neues Quartier gefunden habe. Ich gehe diesen Schritt nicht nur, um der Strafverfolgung aufgrund des unglücklichen Zwischenfalls im Felde der Ehre zu entgehen, sondern auch, um rasch und unauffällig verlegen zu können, sollte ich in aller Eile zu neuen Punkten der Erkenntnis aufbrechen müssen. Wenn Sie mir schrieben, würde mich das mehr freuen als alles andere, ich muss nun schließen, da die Sonne nicht mehr lange lächeln wird, wünschen Sie mir in der Schlacht, wie ich auch Ihnen, alles Gute,
F.S.
PS: Ich lasse von mir hören.