Ralf Peter Ein Sonettenkranz



I

ich komme in die Dunkelheit hinein
die Tür war zugefallen meinen Schritten
fehlt jeder Klang die Luft ist kälter mitten
im Nebel singt ein Vogel meinem Bein

bekommt das Gehen nicht es schmerzt im Schein
der Straßenlampe stand ein Kind sein Schlitten
ist festgemacht zwei Streitende verbitten
sich im Vorbeigehn jedes Wort und schrein

sich wieder an ein Satz war mir zerrissen
ich drehe mich der Wind kam auf es schneit
die Bürgersteige ein der Weg wird weit

heut Nacht erfriert ein Hund ein Stückchen Schinken
liegt fest in meiner Hand als Leckerbissen
in ein paar Stunden fängt es an zu stinken



II

in ein paar Stunden fängt es an zu stinken
das Fenster ist nicht dicht die Knospen fallen
im Hinterhof der Mond kam hoch an allen
Antennen glitzert es im Rhythmus blinken

die Sendemasten ruhig atmen leise
versiegt die Luft am hohen Himmel klebt
ein Flugzeug ohne Ton die Erde bebt
ganz fein die letzte U-Bahn fuhr die Gleise

veröden eine Ratte springt darüber
erstarrt läuft weiter keine Katze weit
und breit das Nest hängt immer noch die Finken

sind nicht zurückgekommen gegenüber
wird Licht gemacht sie hustet laut man schreit
erwachte Kinder hängen an den Klinken



III

erwachte Kinder hängen an den Klinken
sie atmen nicht die Haut war überzogen
mit Rosenblättern blasse Regenbogen
versperrn den Blick es tropft die Pfützen stinken

wie schlechter Wein die Tür ist offen Gleise
nach allen Häfen sind ins Feld gewebt
sie enden hier der Wind kam auf er hebt
das Dach es knarrt im Eichwald eine Meise

fliegt hastig auf den Zaun die Sonnenstrahlen
verlocken sie die Fensterkreuze sind
die Schatten auf dem Boden in den Stein

war etwas eingeritzt und in die kahlen
gekalkten Wände Hier entkommt ein Kind
die großen Buchstaben sind viel zu klein



IV

die großen Buchstaben sind viel zu klein
mein Finger ist zu taub es friert der See
war in der Mitte frei im harten Schnee
versanken meine Kniee nicht das Bein

hat aufgehört zu schmerzen Blätter schwimmen
am Rand der Mond war totenblass die klaren
Konturen auf dem Wasser in den Haaren
des Mondmanns glitzert etwas seine Stimmen

sind laut die Bäume rufen dunkle Tiere
belauschen uns es knisterte im Eis
die Wörter sind zertreten ich verliere

den Atem überm Mond ein helles Schrein
die wilden Gänse ziehen ihren Kreis
ich dringe nicht in diesen Spiegel ein



V

ich dringe nicht in diesen Spiegel ein
ich sehe meine Augen und sie schicken
die Blicke nicht zurück an diesen Blicken
erkenne ich mich nicht sie sind nicht mein

wie kann die Rose keine Rose sein
sie ritzt die Finger blutig die sie pflücken
wie stumm wir werden während wir uns schmücken
und aus den Lippen läuft verdorbner Wein

ich wollte nach dir greifen meine Hände
sind Rosenblätter über deiner Haut
mein Stachel schwimmt verborgen jeder Laut

aus unsern offnen Mündern streift die Wände
und treibt zurück wenn wir hinuntersinken
ich kann in keinem Augenblick ertrinken



VI

ich kann in keinem Augenblick ertrinken
es klopft am Fenster Blumenkästen fallen
ein Kind spricht einen Reim die Tauben krallen
sich fester an die Simse blanke Klinken

sind krachend von den Türen abgerissen
ein Baum tanzt durch die Straße eine Hand
sucht dringend einen Halt die Häuserwand
hat eine Öffnung dicke Sofakissen

ziehn weite Kreise wirbeln auf und regnen
im Feuerwerk hinunter auf den Park
die Pfauen brennen ihre Federn stinken

ein Pfarrer möchte irgend etwas segnen
am Hafenbecken geht der Wind zu stark
ich treibe immer ohne zu versinken



VII

ich treibe immer ohne zu versinken
mein Mund ist nass du hattest seinen Bogen
mit einem Finger langsam nachgezogen
du wolltest ihn mit deiner Zunge schminken

wir haben lachend ohne noch zu wissen
wohin die Reise gehen wird einen Brand
an uns gelegt und immer Hand und Hand
und löschten und entfachten ihn mit Küssen

als wir zum Ufer kommen will es regnen
wir schauen auf und sehen beide klar
und langsam fallen unsre Lippen ein

die Sieger bleiben aus die Unterlegnen
ersparen sich den letzten Kommentar
ich schlucke alle Tage schlechten Wein



VIII

ich schlucke alle Tage schlechten Wein
und sehe wenn die Türen offen sind
hinaus und rufe Wörter in den Wind
sie ritzen keine Rosen in den Stein

ein Stachel war in meiner Hand ich greife
mich an es zuckt ein Widerschein von Jahren
in mir ich atme an die Decke Scharen
von Vögeln ziehen kreischend heim der reife

Asphalt reißt auf ich klebe in den Städten
an allen Klinken hängt ein Teil von mir
die Würgeengel fassen an die Betten

und auf den Brücken stehen Emigranten
die Zeichen bleiben zitternd schaut ein Tier
aus einem Schaufenster mit Unbekannten



IX

aus einem Schaufenster mit unbekannten
Delikatessen lachen große matt
lackierte Spielzeugpuppen eine hat
die Hände eingewickelt die verbrannten

Gelenke schimmern ihren imposanten
Gefährten hängt ein konzentrierter glatt
gekämmter Kopf im Schoß sie atmen statt
der Augen gähnen Löcher ihre Kanten

sind klebrig Tropfen fallen auf die blassen
Gestalten an den Wänden sie verharren
mit offnen Mündern überm Boden macht

es kleine dunkle Pfützen Bretter knarren
von Zeit zu Zeit die Flecken auf den nassen
Verpackungen verschwanden über Nacht



X

Verpackungen verschwanden über Nacht
sind Wachen aufgestellt zerbrochne Flaschen
zerkratzten ein Gesicht am Ufer waschen
verstörte Kinder sich die Finger macht

die Fenster zu der neue Tag hat keinen
Passierschein zu verschenken eine Hand
schlägt klatschend auf das Wasser aber Land
kommt lange nicht in Sicht an seinen

erschreckten Augen kann man es erkennen
es lauscht im Dunkeln auf den Schlag der Herzen
wenn in den Straßen wo die Lichter brennen

flüsternde Stimmen aus den Türen treten
und es verstummen über allen Kerzen
Gedichte von verstümmelten Poeten



XI

Gedichte von verstümmelten Poeten
mein Bruder ist mein Vater meine Mutter
zerbrach mir meinen Kopf ich schlage Butter
im Ammenhaus und blase die Trompeten

der hohen Herrn im Kämmerlein mein Bein
hat einen langen Ritz ich rauch Zigarren
den ganzen Tag und mache einen Narren
vor meinem Fenster tanzt ein Hund mein Stein

trifft immer Weihnachten zerschlug ein Topf
die Sahne lief am Boden Katze leckte
den weißen Bart auf meinem armen Kopf

und meinem armen Maul hats laut gekracht
Herr Pfarrer hat mich abgewischt ich steckte
im dichten Waldgestrüpp hab ich gelacht



XII

im dichten Waldgestrüpp hab ich gelacht
die Nachtigallen saßen in den Ästen
zwei Schnecken hielten Ausschau am durchnässten
Gewebe meines Kragens mit Bedacht

erwägen sie die Richtung keine Macht
der Welt versperrt ihnen den Weg sie pressten
sich kalt an meinen Mund aus einem festen
verhängnisvollen Schlaf bin ich erwacht

der Wald war dunkel und die Nachtigallen
beängstigten den Träumer dass er schrie
bei seinem Schlafplatz fanden Komödianten

verweste Tiere aber alle Fallen
gestellt ich fürchtete die Bilder die
in meinen aufgeschlagenen Augen brannten



XIII

in meinen aufgeschlagenen Augen brannten
die Sonnenstrahlen Tropfen in den Maschen
der Spinnennetze perlten ab sie waschen
im Fall die Fäden blank als Diamanten

zerplatzten sie auf meinen bleichen Beinen
ich hatte eine Pfütze in der Hand
ein Käfer kam zur Tränke feiner Sand
ist zwischen meinen Zähnen auf den Steinen

am Ufer wärmten sich Libellen ihre
grüngoldenen Körper schimmerten das Eis
verschwand die Sonne lockte Wassertiere

herauf verirrte Wandervögel drehten
hoch über meinem Kopf ein stiller Kreis
die unsichtbaren Bahnen der Kometen



XIV

die unsichtbaren Bahnen der Kometen
Maschinenteile glänzten eine Mutter
war abgerissen Schrauben ein kaputter
Benzintank Straßenstaub die Haare wehten

am Rand ich schwitze spiegelnde Antennen
sind umgeknickt es klebt an mir die Schmerzen
verlagern sich ich stellte ein paar Kerzen
ins Fenster leise tickt die Uhr sie brennen

die ganze Nacht der Mond kam hoch mein Kopf
war an der Scheibe komm herein ich streckte
die Hand ins Licht ich hör nichts mehr ich stopf

mir was ins Ohr ich lauf herum mein Bein
tut weh die Tür fällt zu der Schlüssel steckte
ich komme in die Dunkelheit hinein



ich komme in die Dunkelheit hinein
in ein paar Stunden fängt es an zu stinken
erwachte Kinder hängen an den Klinken
die großen Buchstaben sind viel zu klein

ich dringe nicht in diesen Spiegel ein
ich kann in keinem Augenblick ertrinken
ich treibe immer ohne zu versinken
ich schlucke alle Tage schlechten Wein

aus einem Schaufenster mit unbekannten
Verpackungen verschwanden über Nacht
Gedichte von verstümmelten Poeten

im dichten Waldgestrüpp hab ich gelacht
in meinen aufgeschlagenen Augen brannten
die unsichtbaren Bahnen der Kometen