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| Helge Dawo |
Riskante Rezepte Der Antarktische Unabhängigkeitskrieg hatte gerade erst zu toben aufgehört, und der Restglobus war immer noch ein wenig verdutzt darüber, daß sich seine südliche Polarregion von ihm abgespalten hatte, als Wattberger, ein Erlebnisgastronom, dessen Extremfeinschmeckertempel Das Grüne Rhinozeros ein Ort war, wo pausenlos Geschmacksrekorde gebrochen wurden, das Bedürfnis verspürte, sich die Nase zu putzen. Zur Bestürzung vieler funktionierte Wattbergers Sinn für riskante Rezepte danach sogar noch besser. Umgehend zog er die Uhrwerke seiner mechanischen Pfeffermühlen auf (das waren Pfeffermühlen, die nicht nur gut mahlen, sondern auch hinreißend seufzen und den Vorgang des Würzens daher mit berühmten Opernarien unterlegen konnten), wuchtete, um zu überprüfen, ob ihm das gelänge, eine Zimtstange in die Luft (es gelang) und ging ein wenig Bergsteigen. Ganz oben, auf dem Gipfel eines von Muskatnußnebeln verschleierten Massivs aus Kartoffelpüree angekommen, verfaßte er dann das folgende, ein neues Kapitel im Buch kulinarischer Abenteuer aufschlagende, Telegramm: An Schlottke. Abteilung Afrika. Dringend. Lieber Schlottke. Belegschaft schon wieder unzufrieden. Irma, Abteilung Service, beschwert sich, daß die Gäste langweilig sind. Muß ihr recht geben. Die Kerle sitzen nur rum, kauen ihre Fingernägel ab und stieren die Wand an. Alle Versuche, ihnen Kunststücke beizubringen, bisher fehlgeschlagen. Außerdem macht es Semmelroch. meinen Chefkoch, nervös, daß einigen von ihnen sehr laut der Magen knurrt. Habe daher schon Maulkorbpflicht eingeführt. Hilft aber nichts. Semmelroch hat immer noch Angst und will jetzt, daß ich um die Tische herum Gitterstäbe anbringen lasse. Denke deshalb, daß ein paar Schießübungen nicht schlecht. Brauche dafür schnell ein geeignetes Gewehr (geladen), eine inspirierende Kulisse (Savanne) und eine willige Trophäe (Löwe). Erwarte Lieferung mit nächstem Frachter. Gruß Wattberger Das ist jetzt ein paar Wochen her. Inzwischen ist der Frachter angekommen, hat man den Äquator aus praktischen Gründen ein paar Meter höher gebaut (oder was würden Sie tun, wenn Sie der Restglobus wären, und Ihre südliche Polarregion Sie ständig mit Schneebällen bewirft?), und ist die Trophäe, die zeitweilig unter einer leichten Seekrankheit litt, schon wieder ganz gut auf den Beinen. Sie ist tatsächlich willig und läßt sich von Irma, die das glücklich macht, Kunststücke beibringen. Ansonsten unterstützt sie Semmelroch, den Chefkoch, in seinen Bemühungen, die Gäste in Schach zu halten, oder unternimmt, Wattberger auf den Fersen, lange Streifzüge durch die Savanne. Die beiden kommen sich von Tag zu Tag näher. Und alles sieht danach aus, als ob es in diesem Teil der Geschichte bald zu einem Happy End kommt. |