Solveigh Strenzl Der Abgang

Des Morgens saß sie am Frühstückstisch und wollte ein Brötchen mit Wurst essen, doch was da im Kühlschrank vor sich hin gammelte, hatte diese Bezeichnung kaum verdient.
"Schmetterlingswurst" sagte man zu solchen fleischlichen Entartungen, erinnerte sie sich. Sie hatte zwar Hunger, doch das wollte sie nicht essen. Sie gab es dem Hund und wollte sich dass Brötchen mit Marmelade Bestreichen, da fiel ihr der kleine Finger von der Hand, einfach so, war Ab und ließ sich auch nicht mehr anfügen. Sicherlich war sie etwas geschockt, verständlich, gab es doch kein angemessenes Verhalten, das sie nun hätte an den Tag legen können. Menschen sind so, dachte sie sich, Menschen halten sich an ein begrenztes Verhaltensrepertoire. Sie müssen nicht in jeder Situation nachdenken, was sie tun. Sie tun eben Dinge, die sie schon Vorher in Situationen getan haben, und vor ihnen andere, denen sie es abgeschaut haben. Trifft man jemanden, sagt man freundlich "Guten Tag", erscheint das zu banal oder zu spießig, sagt man "Hi" oder "He" oder "Hallihallo" wenngleich das schon wieder ein wenig kindisch klingt. Es gibt jedenfalls diese Vorgaben, doch kaum für die Situation, die eintritt, wenn gerade der kleine Finger abgefallen ist. Dann heißt es unzureichende Daten. Error. Sie war höchst überrascht, dass sie überhaupt an anderes denken konnte als an den abgefallenen Finger. Sie wusste nicht was sie tun, denke oder Fühlen sollte und so frühstückte sie weiter.
Sie hätte ihren Vater, den Arzt, wecken können, doch würde er ja irgendwann von selbst aufstehen, hoffte sie, und was hätte er auch jetzt in dieser Situation machen können? Der Finger war ab, so oder so. Und irgendwie hatte sie ein schlechtes Gewissen, obwohl sie sich nicht vorstellen konnte, was sie falsch gemacht hatte, oder vielleicht hatte sie auch Angst davor, dass sie etwas falsch gemacht hatte. Sie Beschloss, die Sache soweit zu verschieben, bis ihr Vater der Arzt kam.
Die Familie fand sich langsam an dem großen Esszimmertisch zusammen. Auch ihr Vater, der Arzt. Er saß am Kopfende des Tisches, natürlich. Als Familienoberhaupt, verteilte er symbolträchtig seine Masse über dem Stuhl. Sie saß an der Seite, ihre Mutter ihr gegenüber. Ihr Bruder daneben, er mochte den Ödipuskomplex, nun überwunden haben. Er wollte damals die Mutter heiraten. Und weil er nun mal da saß, blieb er da sitzen, all die Jahre.
Sie kam nicht dazu, die Sache mit dem Finger anzusprechen. In der allgemein fröhlichen Stimmung, vermochte sie das nicht anzubringen, wusste nicht wie und was sie sagen sollte, war noch viel zu verstört von dem Ereignis. Der Finger lag immer noch auf dem Esszimmertisch und wurde nicht angesprochen, vielleicht auch nicht bemerkt, und wurde später zusammen mit dem dreckigen Geschirr abgeräumt, und wohl in den Müll geworfen.
Später, ging sie mit ihrem Bruder in die Stadt, er hatte sie gefragt, und sie hatte eingewilligt, aus Gewohnheit, und weil sie jetzt auch nicht mehr über ihren Finger sprechen wollte. Sie waren nicht weit auseinander, sie und ihr Bruder, sie verstanden sich gut, hatten teilweise die gleichen Freunde. Sie liefen von einem Geschäft in das nächste. Redeten, lästerten, über die Leute, deren Gesichter ihnen missfielen, trafen, einen Bekannten ihres Bruders. Ihr war es meistens unangenehm, Leute zu treffen, besonders neue Leute. Sie wusste nie, wie sie sich verhalten sollte. Dass dies nur ein Bekannter ihres Bruders war, machte die Sache ein wenig einfacher, schließlich gab es Bekannte und Freunde, Bekannte waren im allgemeinen Zeitvertreiber, Leute mit denen man mal etwas unternahm, wobei die Beziehung aber nicht sehr eng war, sie sind einem Bekannt halt und nicht mehr. Bei einem Freund sollte man jene Verhaltensvorgaben ablegen und gefälligst man selbst sein. Aber wer ist man schon selber, dachte sie sich, und war froh sich damit nicht befassen zu müssen. Sie Begrüßten sich ihr Bruder und der Bekannte, und er begrüßte auch sie. Wie immer bei der ersten Kontaktaufnahme tat sie sich schwer, hatte Angst gekünstelt zu wirken.
Der Aufschrei des Bekannten riss sie aus den Gedanken. Beim Händedruck, hatte er zurückgezuckt, etwas war heruntergefallen, ein Finger, ihr Finger. Ihre Schuld. Und das auch noch vor all den Leuten.
"Oh", sagte der Bekannte, er beruhigte sich langsam, und "du hast deinen Finger verloren". "Ich sehe es", entgegnete sie, mit rasenden Herzens, ließ sich aber nichts anmerken, erklärte, ihr sei das heute Morgen schon einmal passiert. Es war der rechte Mittelfinger, den sie um seine Symbolträchtigkeit bedauerte. Der Bekannte wollte kein Peinliches Schweigen aufkommen lassen, sagte "Meiner Tante ist das auch passiert. Die hat sogar den ganzen Arm verloren. Sie hat ihn im Krankenhaus wieder angenäht bekommen, kann jetzt sogar wieder Klavier spielen". Der Bruder beruhigte "Den Finger kann man bestimmt wieder annähen, frag mal unseren Vater" den Arzt. Natürlich, das könnte sie machen, es war sowieso alles gesagt. Sie verabschiedeten sich von dem Bekannten. Den Finger hatte sie in ein Taschentuch gewickelt. So ging sie nach Hause.
Die Eltern waren ausgegangen, beide. Sie suchte ihren kleinen Finger, erst im Mülleimer, dann im ganzen Haus, konnte ihn aber nicht finden. Als die Eltern dann schließlich kamen war es spät. Sie zeigte ihrem Vater, dem Arzt, den Finger, und die Hand, an der er nebst kleinem Finger fehlte. Der Vater schon müde, und daher ein wenig lustlos, betrachtete die Hand, drückte an manchen Stellen und fragte ob das wehtue. Er gab sich ganz professionell, wie er es gerne tat, war nun nicht mehr Vater sondern Arzt, Familienernährer. Er machte eine lange Pause, und sagte "nun, deine Finger fallen ab". Sie, ein wenig ungeduldig, und da sie mit dieser Feststellung wenig anfangen konnte, fragte "kann man da etwas machen". "Wieder annähen" war die Antwort ihres Vaters, und, dass sie vielleicht vorher zu einem Hausarzt oder dergleichen gehen solle, um festzustellen, warum ihre Finger einfach so abfielen.
- Da gibt es bestimmt auch Medikamente dagegen, lass dich mal untersuchen
- Ja aber die Finger wachsen ja nicht einfach nach, da muss man doch was machen
- Ja weis man`s, sagte ihr Vater
Die Mutter schaltete sich ein
- Oder du bekommst eine Prothese
Die Mutter wollte das ganze endlich hinter sich bringen, wollte eine Lösung finden, wollte ins Bett, meinte ihr Vater der Arzt solle einen Termin bei einem Kollegen machen. Der Vater war einverstanden.
Am nächsten Tag war Schule. Sie hatte über Nacht ihren rechten großen Zeh und den Ringfinger der linken Hand verloren. Die Nacht war schlimm, sie konnte nicht einschlafen, wollte sich nicht bewegen, hatte Angst, im Schlaf noch mehr Körperteile zu verlieren, schließlich döste sie dann doch ein, und am nächsten Morgen kam dann dass Erwachen, ohne großen Zeh und Ringfinger. In der Schule hielt sie die Hände die meiste Zeit versteckt in ihren Hosentaschen, wollte nicht, dass sie jemand darauf ansprach. Im Deutschunterricht musste sie dann doch die Hände rausnehmen, um irgendwelche Worte aufs Papier zu kritzeln. Neben ihr, saß ein Mädchen, das interessiert auf ihre verkrüppelte Hand sah.
-Abgefallen, sagte sie, als Antwort auf den Blick.
- Wie? Einfach so? fragte die andere
-Einfach so
Das Mädchen machte eine kurze Pause, blickte ungläubig und entgegnete dann bestimmend
- Mir wäre das nicht passiert
Natürlich nicht, solchen Mädchen passiert so etwas nicht, nie, niemals, sie sind die Auserwählten, diejenigen welche, sich nicht jeden Morgen mühsam aus dem Bett quälen, die alles mit links machen, nie zweifeln nie unsicher werden, immer entschlossen sind, sich ihren Weg nicht mal erkämpfen. Alles scheint ihnen entgegenzukommen, einfach so ohne Mühe. Sie wagen sich dann noch, einem das vor die Augen zu halten.
Nach Deutsch Pause. Sie quetschte sich an den Mitschülern vorbei auf den Pausenhof, schaute durch die Menge, forschte nach Gesichtern die sie kannte. Man durfte nicht alleine dastehen, auf dem Hof, in der Pause und wenn man dennoch alleine dastand, musste es so wirken, als würde man gewollt alleine dastehen, sonst war man komisch, seltsam, und man würde für immer alleine dastehen, aber gottseidank hatte sie ein paar Freunde, mit denen sie dastehen konnte. Sie nahm die Hände aus den Taschen, wenigstens eine rauchen. Doch die fehlenden Gliedmaßen wurden nicht angesprochen. Sie würde warten, irgendwann mussten sie es ja bemerken, es war ja allzu auffällig, aber wenn sie die ganze Zeit mit der verkrüppelten Hand dastände, ohne eine Bemerkung? Die Hand wurde nun doch bemerkt, doch waren die Gespielinnen eher angeekelt, baten, die Hand doch möglichst zu verdecken. Sie fragten, ob sie schon bei einem Arzt gewesen sei, oder ob sie nicht besser gleich ins Krankenhaus gehen solle.
Sie hatte das Gefühl von Anfang an alles falsch gemacht zu haben, alles. Sie fühlte sich komisch, nicht dazugehörig, nicht normal. Ein normaler Mensch, hätte gleich die Familie geweckt wäre nicht in die Stadt gegangen, das wäre ihm gar nicht eingefallen, hätte sofort etwas unternommen. Wäre zum Arzt gegangen, gleich und hätte sich verdammtnochmal darum gekümmert, wogegen ihr Verhalten auf die anderen unverständlich wirken musste. Aber sie hatte von Anfang an alles falsch gemacht, sie war kein normaler Mensch, und würde deswegen, auch weiterhin alles falsch machen, immer, für den Rest ihres Lebens. Schließlich gingen die Pausengespräche weiter, Pausenthema heute "Intimpiercings".
Es dauerte drei Wochen, den Verlust der ganzen rechten Hand, der Finger der Linken, und diverser Zehen, bis ihr Vater, der Arzt, ihr einen Termin bei einem befreundeten Hausarzt beschafft hatte. Sie hatte ihn immer wieder gefragt, ob sie sich nicht darum kümmern solle, aber ihr Vater hatte das abgelehnt, wollte das selbst erledigen er, der Arzt, wollte über ärztliche Angelegenheiten bestimmen. Die abgefallenen Körperteile legte sie in eine Blechschale, die ihr ihre Mutter eigens für diesen Zweck zur Verfügung gestellt hatte. Am Tag des Arzttermins suchte sie diese Schale vergebens. Ihre Mutter gestand ihr, dass sie die Schale, da die Fleischstücke schon etwas rochen, weggeschmissen habe. Als sie wütend wurde, beruhigte ihre Mutter sie damit, dass sie doch bestimmt Prothesen bekäme und dass man die Körperteile ja sowieso nicht mehr hätte annähen können, da sie schon faulten.
Die Arztpraxis war weiß und steril. Ein wuseliger Haufen Praxisangestellter rannte herum, schickten sie von Raum zu Raum, von einer obskuren Maschine zur nächsten, schlossen Elektroden an ihren Körper, ließen sie Radfahren, zapften ihr Blut ab. Ein ewiges warten, ewige Untersuchungen. Schließlich rief sie der Arzt in sein Sprechzimmer. Seit wann sie Körperteile verliere, fragte er sie, und sie antwortete. Der Arzt schwieg eine Weile, so wie sie es von ihrem Vater kannte, und meinte schließlich
- Das ist nichts Schlimmes, ich schreibe Ihnen ein Medikament auf, das müssen Sie dreimal am Tag nehmen, kommen Sie in zwei Wochen wieder
Sie war etwas enttäusch fragte
- Und was ist, wenn ich noch mehr verliere, kann man das wieder annähen
- Ja, sagte er, wieder nach einer Pause. Das kann man schon, aber schauen Sie erst mal, ob das mit den Medikamenten besser wird
Sie machte noch einen zweiten Termin bei der Anmeldung aus, dabei fiel ihr der rechte Unterarm ab. Die Praxisangestellte schaute sie irritiert an. Sie wurde rot, bückte sich tollpatschig, versuchte mit ihren Stümpfen den Arm aufzuheben und klemmte ihn sich unter den noch vorhandenen linken Arm.
Sie besorgte sich die Medikamente in der nahegelegene Apotheke, der Apotheker, schaute sie angeekelt an, meinte sie könne nicht einfach mit einem abgetrennten Arm rumlaufen, was sollen denn die Leute denken. Ihre Familie erkundigte sich, wie der Termin gelaufen war. Beruhigte sie, es würde jetzt bestimmt bald besser werden. Ihr Bruder nahm sie mit in die Stadt, wollte sie ablenken, seine Freundin war auch dabei, sie gingen tanzen. Sie hatte Spaß, trank sehr viel, ihr Bruder musste ihr die Flasche an den Mund halten. Sehr viele schauten sie komisch an, einer fragte sogar, wollte wissen, was ihr passiert sei. Sie war überrascht von der Frage, wusste nicht was, aber vor allem wie sie es sagen sollte, wäre am liebsten im Boden versunken, lachte stattdessen, meinte es wäre nichts Schlimmes, sie sei in Behandlung. Er schaute sie verwundert an und ging ohne ein weiteres Wort. Als sie beim Tanzen einen Fuß verlor, fragte ihr Bruder sie ob sie gehen sollten.
Zuhause wollte ihr Bruder mit seiner Freundin auf sein Zimmer. Er fragte vorher ob er sie, alleine lassen könne. Seine Freundin hatte den Fuß noch in ihrer Handtasche, aber sie war schon voraus gegangen. Sie wollte noch eine Weile aufbleiben, den Hund streicheln, der allerdings nicht in Sicht war. Sie fand ihn im Wohnzimmer hinter dem Sofa. Er kaute auf etwas rum. Sie humpelte zu ihm hin und schob ihm mit ihrem linken Armstumpf das längliche Stück aus dem Maul. Es waren mehrere kleine Knochen, die noch mit einem letzten Rest Sehne locker zusammengehalten wurden. Vielleicht drei vier Knöchelchen. Es war ihr kleiner Finger. Der erste der abgefallen war. Ihr Hund sprang aufgeregt um sie herum, und wartete darauf, dass sein Leckerbissen wieder frei wurde. Sie Schob ihm den Finger wieder zu. Freudig stürzte er sich auf seinen Kauknochen, wedelte dabei heftig mit dem Schwanz. Sie musste lachen.
Sie verlor immer noch ihre Körperteile, und als sie wieder den Arzt besuchte, verschieb dieser ihr das gleiche Medikament, in höherer Dosis. Doch es änderte nichts, und schließlich ging sie nicht mehr hin. Ihre verlorenen Körperteile wurden nicht angenäht, sie behielt sie trotzdem immer, bis sie rochen. Auch Prothesen bekam sie nicht. Zeitweise hatte sie einen Rollstuhl, aber nicht lange, denn schon bald konnte man sie bequem unter dem Arm tragen, besonders als ihr Hals abgefallen war. Ihr Bruder pflegte sie dann, wenn er mit seiner Freundin wegging, während der Fahrt auf den Rücksitz zu legen, und sie sich danach unter den Arm zu klemmen. Man musste ihr auch nicht mehr beim Anziehen helfen, außer wenn es draußen kalt war, dann bekam sie eine Mütze. Dann fing es mit den Ohren an, dann die Nase, das eine Auge...
Sie war nun gänzlich auseinandergefallen, hatte sich aufgelöst. Nur noch ein Auge war zurückgeblieben, das ihr Bruder in einem kleinen Glasgefäß um den Hals trug, wohl damit sie alles mitbekam. Ihre Eltern hatten sich seit sie ihren Mund verloren hatte nicht mehr mit ihr befasst. Manchmal, wenn ihr Bruder Leute traf die sie kannte, winkten sie ihr, nachdem sie ihren Bruder begrüßt hatte, zu, sagten auch etwas, was sie nicht verstand, des Glases wegen, und vor allem ohne Ohren. Sie konnte nicht gut Lippenlesen, glaubte manchmal einen Satz zu erkennen wie "Hallo, wie geht es dir" aber sie war sich nicht sicher. Eigentlich war es ihr auch egal alles war ihr mittlerweile egal, sie war nun nichts mehr, nur noch ein Auge nur noch ein Bild. Nur in ganz ruhigen Momenten, nachts, wenn ihr Bruder sie auf die Fensterbank stellte, besonders dann, wenn er auch das Fenster dabei öffnete, fragte sie sich "Rieche ich schon".