Topicana

Eine Reihe des VS-Saar
Edition Saarländisches Künstlerhaus

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Chris Schrauff

Chris Schrauff
Geboren 1950 in Marburg/Lahn, seit 1954 im Saarland. Studium von Philosophie, Musik, Germanistik. Zivildienst. Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Schankwirt, Rahmenbauer, Lektor, Dramaturg. Seit 1975 als Schriftsteller tätig.
Veröffentlichungen:
Bilderbuch. Lyrik, Saarbrücken 1977;
Kafka for Pepsodent. Lyrik, Saarbrücken 1979;
Der arbeitslose Prinz. ein Märchen, Berlin 1982;
Vom Mond im Mann. Erzählung, Luxemburg 1983;
Der Wolf und seine Steine. Märchen, Hannover 1986;
als Übersetzer und Herausgeber: Proteus. Handbuch des Rahmenbaus, Saarbrücken 1987;
Der kahle Hut. Versammelte Werke, Saarbrücken 2000.
Chris Schrauff, Briefe nach Amerika

Chris Schrauff, Briefe nach Amerika; Eine Erzählung, Saarbrücken, 1998; erschienen als Band 0 in Topicana. 33 Seiten, 6,00 € (ISBN 3-932294-29-7)

Textprobe:
...
2.7.
Du bist so weit weg. Und jetzt
kann ich dich endlich küssen,
ohne dass du's merkst.
...
15.9.
Ja, du sammelst Strohhalme.
Einen nach dem andern.
Uns so entsteht Amerika.
Ich schick dir Gummistiefel.
...
7.6.
Unser Haus ist weg. Du weißt
ja selbst, die Miete. Ich bin
jetzt auf dem Campingplatz an
der frischen Luft. Ich wohne
hinter meiner Haut.
...
20.7.
Verzeih mir bei Gelegenheit,
sei doch so kokett. Und schick
mir endlich deine Adresse.
Oder zumindest die Konto-
nummer. Quittung leg ich bei.

Briefe nach Amerika: bis aufs Innerste gekürzte Prosatexte, drei, vier Sätze lang, 29 Briefe, insgesamt ergeben sie eine Erzählung. Obwohl die Stücke so knapp sind, verweigert ihnen Schrauff jegliche lyrische Färbung. Geradezu schroff, häufig ein bisschen melancholisch, wird ein Du angesprochen. Im letzten Brief heißt es schließlich: "Schick mir endlich Deine Adresse", was eine verstörende Aufforderung am Ende einer Brieferzählung ist. Man fragt sich natürlich, wohin waren sie denn adressiert, die 28 vorhergegangenen Briefe nach Amerika? Was ist dieses Amerika und wo liegt es? Ist es ein Land, das aus den Strohhalmen besteht, an die ein gesichtsloses Du sich vergeblich zu klammern versucht? Die Erzählung lässt sich als Liebesdrama deuten, bei dem der verlassene und briefeschreibende Liebhaber zu sich zurückkehrt, das gemeinsame Haus verlässt. Er findet in dem Maße in seine eigene Haut zurück, wie das Du an Realität verliert. Am Ende weiß er nicht einmal mehr dessen Adresse.
Ein vielschichtiges und in jeder Hinsicht zurückhaltendes Werk, das den interessierten Leser lange bei den einzelnen Briefen festhält. Umso größer dann das Glück, wenn die epigrammatischen Stücke sich auftun und zu erkennen geben, dass sie nur zu dem Gerüst gehören, über dem ein Zelt aus einem sehr feinen Stoff aufgespannt ist.