Topicana

Eine Reihe des VS-Saar
Edition Saarländisches Künstlerhaus

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Ulla Vigneron

Ulla Vigneron
Geboren 1944 im Saarland. Lebte von 1963 bis 1985 in Paris. Seit 1985 wieder im Saarland. Tätigkeit als Übersetzerin, Fremdenführerin, Lehrerin. Lektorin, Büroangestellte, Designerin, Souffleuse.
Veröffentlichungen:
Anonyme Erzählungen. (in französischer Sprache) Paris 1973 - 1983;
Hier wurd ich geboren. Lyrik, St. Ingbert 1991;
Autorenlesungen im SR2 Kulturradio, 1997 / 1998
Ulla Vigneron, Einer raucht nStixi

Ulla Vigneron, Einer raucht nStixi
Texte, Saarbrücken, 1999; erschienen als Band 1 in Topicana. 91 Seiten, 6,00 € (ISBN 3-932294-39-4)

Textprobe:

Jimmy

Zwanzig Jahre hat sie gebraucht. Oder mehr. Zwanzig
Jahre, bevor sie sich gefragt hat, ob

FOXY LADY

wohl fuck the lady heißen soll

Heute sagt ja jeder Fuck. Oder hat sichs ans Auto geklebt.
Heute hätte der Jimmy wohl glatt Fuck the lady gesungen.

Oder hat er das damals schon so gesungen. Jedenfalls hat
sie das nicht gehört vor
zwanzig Jahren. Oder mehr

Den Text kann sie nicht verstehen. Englisch hat sie nicht gelernt. Also stellt sie sich eine schlankgesichtige, rothaarige, pikante Lady vor. Eine, die vor der Meute flieht
Jimmy Hendrix' pikante Füchsin. Die mit der feuchten Nase.

Vielleicht ist die feuchte Lady gar die Freiheitsstatue?

Gar keine Füchsin oder schlankgesichtig.

Robust,
feist,
mit Stacheln um das Germaniagesicht und so was wie ner olympischen Fackel in der Hand.

Rhode Island.
Die Kolossin von Rhode Island.
Starr, weiß, feist.

Heldin?

Fuck the white giant lady, schwarzer Musikant.

Ruhe in Frieden, Jimmy, die Meute bricht schon auf.

Bald wird Mahalia Jackson am Eingang der Neuen Welt
stehen und mit deinen Liedern die Hungernden in den
Schlaf singen.

Und die geborstenen Saiten deiner Fender werden aus
deinem Grab schnellen
und ein letztes Mal die Apokalypse now bejaulen.

Black out. White out. Apokalypse now.

Ruhe in Frieden, Jimmy. Die Meute hat die Lady schon
längst erklommen.

Einer raucht nStixi: Frau Vigneron ist eine Frau mit großer schriftstellerischen Erfahrung. Sie hat viele Jahre in Frankreich gelebt und zahlreiche Texte in französischer Sprache geschrieben, die allerdings nicht unter ihrem Namen erschienen sind. Seit 1985 lebt sie wieder in Deutschland. Die Texte in dem vorliegenden Band sind zwischen Prosa und Lyrik angesiedelt, oder aber man sieht sie gleich als für den Vortrag geschriebene Balladen an. Bei manchen Stücken hört man schon beim Lesen den Blues, und hat den Eindruck, dass es ein toller Songtext wäre ("Mon ami Pierrot", oder "Jimmy")
Ulla Vigneron schreibt deftig. Ihre direkte ungeschminkte Sachlichkeit einerseits und die stets vorhandene Parabolik andererseits erinnert ein bisschen an Brecht und an französische Existenzialisten-Chansons. Gewaltig unter die Haut gehen Texte, die vom Rassismuus der Arier-Ideologie handeln, besonders, wenn sie die Unmenschlichkeit artikulieren, mit der die Täter des Holocaust ihren eigenen Kindern gegenübertreten. ("Brauner Traum", "Lebensfront") Da ist die verrauchte Stimme der Chansonniere ganz bei sich. Da sagt sie einfach, wie es war.