Topicana

Eine Reihe des VS-Saar
Edition Saarländisches Künstlerhaus

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Marcella Berger

Marcella Berger
Geboren 1954 im Westpfälzischen. Studium der Germanistik, Philosophie und Sozialkunde. Gründung des saarländischen Literaturbüros. Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität des Saarlandes. Kunsttherapeutische Ausbildung am Fritz-Perls-Institut, Köln.
Veröffentlichungen:
(unter dem Pseudonym Marcella Schäfer) Märchen lösen Lebenskrisen. 3. Auflage, Freiburg i. Br. 1993;
Essays und Hörfunkfeatures, vor allem zum Themenbereich Märchen und Mythen;
Erzählungen, Lyrik; Preisträgerin des Literaturwettbewerbs des Lëtzebuerger Schrëftstellerverbandes 1995;
Förderstipendium der Landeshauptstadt Saarbrücken 1998
Marcella Berger, Die Fliege

Marcella Berger, Die Fliege;
Erzählung, Saarbrücken, 1999; erschienen als Band 2 in Topicana. 47 Seiten, 6,00 € (ISBN 3-932294-46-7)

Textprobe:

Nachts kommen die Bilder. Das Kind in der hintersten Ecke der Eckbank, dort, wo kein Mensch es greifen kann. Dort verbringt es seine Zeit. Dort unter dem Wohnzimmertisch. Es schmückt seine liebste Puppe. Es schmückt sie zum Opfer. Ein Schuhkarton wird zur Guillotine, das Ritual liegt fest. Die Puppe mit den braunen glänzenden Augen, mit der schwarzen Haut aus Latex ist das Liebste, was das Kind hat. Es ist heiß unter dem Tisch, hinter den Tüchern, die bis zum Boden hängen. Das Kind opfert und opfert. Puppen und Püppchen mit krummen Beinen säumen den Weg. Die Kleider aus Brokat hat es selbst genäht, Stich für Stich mit ungelenker Hand. Nach der Hinrichtung weint das Kind
So entsteht die Seele der Welt, Frau Doktor!

Die Fliege: Marcella Berger hat eine feingesponnene Geschichte vorgelegt. Die auftretenden Figuren sind ein Ich, seine Fragenstellerin, eine Fliege und die Zimmerfrau Frau Mann. Die Fragenstellerin heißt Annacarina und wird so beschrieben, als sollte ein erblindeter Vermeer sie malen. Ihre "blanke, blaue Frische", ihre Klarheit, und wie sie mit ihrem Kugelschreiber alles mitschreibt. Wahrscheinlich eine Psychologin. Eine Anstaltspsychologin. Man weiß nicht, ob sich das Ich, das eine Fliege liebevoll beobachtet und manchmal von Annacarina befragt wird, in einer Heil- oder einer Strafanstalt befindet. Haben wir es mit einer Mörderin zu tun oder war es ein Unfall, als der Mann aus dem Fenster stürzte oder ist das alles nur die Einbildung einer Geisteskranken? Und dann ist da noch Frau Mann, die Frau für's Wesentliche, mit der man über die Frisur sprechen, und die man um eine zusätzliche Decke bitten kann.
Eine bezaubernde und gleichzeitig unheimliche Geschichte.